ADS, ADHS, Hyperkinetisches Syndrom

„Hyperkinetisches Syndrom“

 Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und verwandte Zustandsbilder

von Prof.Dr.med. Dietrich Petersen © 2002

Einleitung

Vor einiger Zeit erklärte mir eine völlig begeisterte Lehrerin: „Wir schicken unsere Kinder jetzt immer zu Dr. X., der macht immer so schöne Diagnosen!“.

„Schöne“ Diagnosen? Fragte ich etwas irritiert, was und für wen bitte ist eine Diagnose denn „schön“? Und was für eine Diagnose „mache“ ich, eigentlich, wenn ich von…

  • … „hyperkinetischem Syndrom“ (HKS)
  • … „minimaler cerebraler Dysfunktion“ (MCD)
  • … „frühkindlich exogenem Psychosyndrom“ (POS)
  • … „Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“ (ADS)
  • … „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinese-Störung“ (ADHS)

spreche?

Die gewählte Ausdrucksweise klingt verräterisch: Dr. X. beherrscht offensichtlich die Gabe, für teils rätselhafte, teils banale Sachverhalte lateinische Namen zu finden, die alles am Ende „schön“ erscheinen lassen:

… schön einfach … schön handlich … schön „wissenschaftlich“.

Merkmale des „hyperkinetischen Syndroms“

 Was aber meine ich eigentlich, wenn ich von „hyperkinetischem“ Verhalten spreche oder – noch prägnanter – von „dem Hyperkinetiker“?

Ein 8-j. Junge, nennen wir ihn „Mario“, stört in der 3. Grundschulklasse empfindlich den Unterricht. Bis dato hat ihm die tolerante Lehrerin noch einiges durchgehen lassen:

  • sein ständiges Dazwischenreden,
  • seine unpassenden Kommentare,
  • seine beständige Unruhe, sein Hin- und Herrutschen, das Wackeln mit den Beinen, das Fingerschnipsen und Grimmassieren
  • seine kurze Geduldsspanne und seine „Grobheiten“ gegenüber den Mitschülern.

Impulsiv wie er ist, erregt er sich allzu leicht, schreit herum, läuft aus der Klasse oder heult.

Bei der „schönen“ Diagnose „Hyperkinetisches Syndrom“ handelt es sich also um eine Beschreibung von Verhaltensweisen, deren herausragendes Merkmal ein „Zuviel“ ist: zuviel Aktivität, Bewegung und Ungeduld.

Was aber meint Dr. X., wenn er von einer „minimalen cerebralen Dysfunktion“ spricht?

Nun, nicht viel anderes, außer, daß er gleich eine Erklärung mitliefert:

Irgendwann einmal, vermutlich in der Schwangerschaft, vielleicht auch bei der Geburt, mangelte es dem Kind am Wesentlichen :An der Durchblutung seines noch sehr veränderlichen Gehirns. Aufgrund seiner Plastizität aber gleicht das Gehirn diese Schädigungen wieder aus, so daß auf den ersten Blick alles in Ordnung erscheint. Keine Röntgenaufnahme, kein Computertomogramm, nicht einmal die EEG-Ableitung könnte nachweisen, daß tatsächlich etwas passiert ist. Lediglich spezielle Untersuchungen von sogenannten „Teilleistungen„, also z.B. im Bereich

  • spezieller Gleichgewichtsübungen und der Körperbeherrschung
  • feiner Bewegungsabläufe und -steuerungen
  • des Sprechens

und entsprechende Entwicklungsverzögerungen in der frühsten Kindheit lassen uns solche Störungen vermuten. Man spricht dann beispielsweise auch von einer „kinästhetisch-vestibulären Wahrnehmungsschwäche“ – auch eine „schöne“ Diagnose.

Zweifelsfrei „bewiesen“ wurden solche umschriebenen Störungen des Gehirns noch nicht – schon gar nicht als Ursache bei einem ganz bestimmten Kind.

Sprechen wir von einem „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ oder kurz vom „ADS„,

so richten wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Teilerscheinung des zuvor beschriebenen Bildes:

Die Kinder…

  • …bleiben nicht lange bei der Sache, haben wenig Ausdauer
  • …sind durch geringfügige Anlässe abgelenkt und oft in Gedanken mit völlig anderen Dingen beschäftigt
  • …stellen Aufgaben nur mit deutlicher zeitlicher Verzögerung fertig, auch nur unter optimalen Bedingungen, sonst unverständlicherweise überhaupt nicht mehr

Dieses unausgeglichene Leistungsprofil führt in Schule, Kindergarten und Familie oft zu Negativ-Sanktionen, da die Mitmenschen sich provoziert und verärgert fühlen:

  • von dem scheinbar „nicht wollenden“
  • tatsächlich jedoch „nicht könnenden“ Kind.

Unangebrachter Tadel und Herablassende Kommentierungen können erhebliche Fehlhaltungen und emotionale Verunsicherungen bei den Kindern hervorrufen, die schließlich tatsächlich zu der – zunächst nur fälschlicherweise unterstellten – Ablehnung und Verweigerung führen (die sog. „self-fullfilling prophecy“).

ADS nach dieser Definition wird bei etwa 4 % aller Kinder beobachtet.

Ein Modell-Projekt an Frankfurter Grundschulen hat eindrucksvoll bewiesen, daß eine abwechslungsreiche Unterrichtsgestaltung in den ersten Schuljahren, die intermittierend motorische und kreative Angebote in den Ablauf einbezieht sämtlichen Kindern, also nicht nur den extrem auffälligen unter ihnen, zu einem wesentlich verbesserten Lernerfolg verhilft, obwohl die reine lernbezogene Unterrichtszeit dadurch eingeschränkt wird.
Häufige Zusatzerscheinungen:

Es gibt Verhaltensprobleme und Defizite, die nicht zwangsläufig, aber doch häufig mit hyperkinetischem Verhalten zusammentreffen:

  • Umschriebene kognitive Leistungsschwächen (Sprachvermögen, Lese-Rechtschreib-Schwächen, Dyskalkulie, andere Teilleistungsschwächen)
  • Soziale Schwierigkeiten (Distanzierung anderer Kinder und Erwachsener, stark wechselnde Kontakte, oft zu wesentlich jüngeren Kindern, Soziale Ausgrenzung)
  • Körperliche Auffälligkeiten (motorische Ungeschicklichkeiten, neurologische Einschränkungen, sog. „soft signs“, im EEG häufig unregelmäßige Verlangsamung der Grundaktivität).

„Zappel-Philipp“ ist eine der ersten – aus dem Jahr 1845 stammende – fundierte „Fallstudie“ zum ADS durch den Frankfurter Psychiater Dr. Heinrich Hoffmann.

Wem nutzt die „Diagnose“ des Syndroms?

Die „Diagnose“, besser: das Muster der beobachtbaren und zuvor beschriebenen Anzeichen, wird u.a. durch Beobachtungsskalen (z.B. Conners-Skalen) dokumentiert.

Wenn wir dann eine solche beschreibende „Diagnose“ stellen, haben wir dem „Kind“ („Hyperkinetiker“) bzw. seinem Verhalten („hyperkinetisch“) einen Namen gegeben. Alles was einen Namen hat, kann ich ohne große Erklärungen geben zu müssen weiterverwenden.

Ein Beispiel:

Wenn ich einen Jungen kennenlerne, der „Mario“ heißt, so brauche ich nicht immer wieder zu sagen: Er hat blaue Augen, kurze blonde Haare, abstehende Ohren, einen ausgeschlagenen Schneidezahn und Sommersprossen, bläst Frösche mit einem Strohhalm auf und ärgert Josephine. „Mario“ ist eben „Mario“ und jeder kennt ihn. So ist er eben. Das erleichtert die Sache ungemein.

Nicht jeder „Mario“ aber ist so, wie unserer Mario – und was dann? Vielleicht versuchen wir ihn zunächst insgeheim zurecht zu biegen, ihn unserer Vorstellung anzugleichen?
Dazu Bertold Brecht:  „Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“. „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K. „und sorge, daß er ihm ähnlich wird“. „Wer? Der Entwurf?“. „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch“.
Die „Diagnose“ nutzt überhaupt nicht, wenn ich jedes Kind, das irgendwie…

…unruhig
…störend
…vorlaut
…auffallend
…uninteressiert
…grob
…verstört
…zappelig
…verspielt

ist, über einen Leisten schere, ohne genau zu überprüfen was möglicherweise alternativ dahinter steckt:

  • Ein Erziehungsproblem?
  • Ein Familien- und Beziehungsproblem?
  • Ein intelligenter Geist, zu wenig gefordert?
  • Ein verspieltes Kind, zur Unzeit gefordert?
  • Ein leistungsschwaches Kind, zu sehr gefordert?
  • Ein „normales“ Kind, aber ständig gefordert?

Die „Diagnose“ nutzt vermutlich wenig, wenn ich damit meine, auf eine komplexe Problematik simple Antworten geben zu müssen: Da hilft nur…

…Strenge (das „unerzogene“ Kind)
…eine Phosphat-Diät (Phosphat-Überempfindlichkeit)
…Ritalin (sogenannte „Transmitter-Störung“)
…Ergotherapie („sensomotorische Wahrnehmungsstörung“)
…Festhaltetherapie (eine „Beziehungsstörung“).

All diese Empfehlungen, jeweils als allein seelig machende Methode lassen sich spielend innerhalb weniger Wochen in Zeitschriften oder Illustrierten nachlesen oder informativen Fernsehjournalen entnehmen.
Wie sollen sich Eltern da verhalten?

Die „Diagnose“ hilft immer dann, wenn sie die Eltern und Kinder von der zermürbenden „Schuld-Frage“ entlastet und signalisiert:

„Dies ist nicht Euer Problem allein – diese Leiden teilt ihr Eltern, Lehrer, Geschwister und Kinder mit vielen anderen auch. Hilfe ist keine Schande.

 

 

Vermutungen zur Ursache (Ätiologie) der ADHS

Die Ätiologie der ADHS ist bislang ungeklärt. 1931 kam erstmalig der Verdacht auf, daß es sich um eine Störung des sog. dopaminergen Systems handeln könnte. 1937 entdeckte Bradley zufällig die Wirksamkeit von Psychostimulanzien (z.B. Methylphenidat). Letztlich handelt es sich auch nach neusten molekularbiologischen Befunden am ehesten um eine Fehlfunktion des dopaminergen Systems unklarer Hirn-Lokalisation, wobei es Hinweise darauf gibt, daß eine erhöhte Dopamin-Transporter-Dichte vorherrscht.

Behandlungsmöglichkeiten des „hyperkinetischen Syndroms“
Allgemeine Behandlungsrichtlinien

Vor allem die Beachtung der langfristigen Entwicklung von Kindern erfordert eine differenzierte Vorgehensweise, die

  • die Bedingungen der familiären und außerfamiliären Lebensumstände einbezieht
  • die über momentane Entlastungseffekte hinausgeht und
  • ein individuell auf das Kind abgestimmtes Behandlungskonzept ermöglicht.

Beispielhaft zu nennen sind unter anderem:

  • Aufklärende Gespräche mit Eltern, Bezugspersonen, Lehrern und Therapeuten
  • Kontaktaufnahme mit der Schule, um Möglichkeiten der Verhaltensbeeinflussung „vor Ort“ oder den schulischen Stützung zu erkennen (z.B. Hospitation)
  • Psychotherapeutische Maßnahmen mit dem Kind (z.B. Spiel- oder Musiktherapie)
  • Familientherapie
  • Ergotherapie
  • Psychomotorik-Behandlung
  • Psychostimulanzien-Therapie

Elternberatung

Die Tatsache, daß viele Eltern mit der „Diagnose“ ADS oder Hyperkinetisches Verhalten konfrontiert sind, hat günstige und ungünstige Auswirkungen.

Günstig erscheint zunächst die Entlastung von persönlicher Verantwortung und Kränkung, da das Kind nicht mehr nur „unartig“ und provozierend ist, sondern eben „krank“, „gestört“ und hilfsbedürftig, wie die ganze Familie.

Diese Tatsache kann auch dazu genutzt werden, die Geduld der Eltern und der Umgebung für eine positive Entwicklung einzuwerben, solange die Belastbarkeit der Beteiligten dies überhaupt zuläßt.

Außerdem ermöglicht es vielen Eltern auch über Möglichkeiten der Hilfestellung in ihren schwierigen und aufreibenden Erziehungsanforderungen nachzudenken, z.B. Jugendhilfemaßnahmen, die sie sonst möglicherweise als kränkendes Angebot aufgefaßt hätten, als Eingeständnis ihres persönlichen Versagens.

Ungünstig erscheint hingegen die Suggestion einer Krankheitseinheit, wenn damit ein einseitiges Verständnis („Hirnschaden“, „Transmitterdefekt“) transportiert und mit einem ebenso verkürzten „Therapie“-Verständnis (Stimulanzienbehandlung) verknüpft wird.

Die Elternberatung soll u.a.:

…Verständnis für die besondere Situation des Kindes einwerben

…die Fähigkeiten der Eltern stärken, sich momentanem „Über-Druck“ der sozialen Umwelt gegenüber besse     abzugrenzen und zu behaupten

…ihnenHilfestellunginkonkretenerzieherischenFragenvermitteln.
Bisweilen ist es auch notwendig, mit den Eltern an der Tagesstruktur der Familie zu arbeiten, Ablaufroutinen zu entwickeln, die Kind und Eltern entlasten, Sicherheit vermitteln, insbesondere vor überraschenden, das Kind überfordernden Erwartungen und Einflüssen.

Die Gestaltung des Tagesablaufs ist hier ebenso angesprochen wie die des kindlichen Arbeitsplatzes (z.B. nicht in Wohnzimmer oder Küche, mit all seinen Ablenkungen, kein TV- oder Radio-Gedudel im Hintergrund, keine Sicht auf die Straße etc.).

Ggf. empfiehlt sich auch, bei entsprechender Belastbarkeit und Motivation ein regelrechtes Elterntraining, in dem Verhaltensprogramme zur optimalen Führung des Kindes und zur Vermeidung ungünstiger Erziehungshandlungen (nicht zuletzt züchtigender Art) entwickelt werden.

Oft gelingt es zunächst auch nicht, die Eltern aus ihrer andauernden Erschöpfung heraus zu einer umfassenden Verhaltensänderung zu bewegen. Es ist absehbar, daß sie neue Erkenntnisse wiederum nur kurzatmig umzusetzen vermögen und das Kind damit wiederum in ein „Wechselbad“ verwirrender Sanktionsmuster stellen. In diesen Fällen erscheint eine kontinuierliche Entlastung und Beratung, z.B. in Form einer Erziehungsbeistandschaft bzw. Familienhilfe vorrangig.

Mitunter kann auch eine Tagesgruppen-Betreuung eine einschneidende Verbesserung bewirken, falls sich die Mitarbeiter einer solchen Einrichtung in ein gemeinsames Konzept einbeziehen lassen. Dies gilt insbesondere in jenen Fällen, in denen chronische Familienkonflikte wesentlich an der Entstehung und Unterhaltung der Symptomatik beteiligt und nicht über spezielle Angebote modifizierbar sind (z.B. Paartherapie, Familientherapie).
Schulische Ebene

Auf schulischer Ebene kann bei Interesse der Lehrkräfte versucht werden, mit dem Kind systematisch an einer Verbesserung seiner Selbstwahrnehmung und -kontrolle zu arbeiten.

Dies erfordert viel Geduld und Fingerspitzengefühl, um das Kind einerseits individuell und mit empathischer Haltung anzusprechen, andererseits nicht „zu viel des Guten“ zu tun und damit eine Außenseiterposition zu fördern.

Nicht nachgiebiges Gewährenlassen (als „Verstehen“ interpretiert), sondern liebevolle und berechenbare Konsequenz sind gefragt.
Besonderheiten in der Schule

Über 4 % der Schulkinder weist typische Merkmale eines ADS auf. Typisches Verhalten der Kinder im Unterricht:

  • Tagträumereien und kurze Aufmerksamkeitsspannen
  • Motorische Unruhe bis hin zum ungerichteten Aufstehen und Umherlaufen während des Unterrichts
  • Ständig wechselnde Aufmerksamkeit auf geringfügige Reize (Beschäftigung mit Fingern, Haaren, Stiften etc.)
  • Aufgaben werden begonnen, bevor sie erklärt wurden, werden oft nicht verstanden und nicht zu Ende geführt
  • Impulsives Dazwischenreden, übereifriges Melden, egal ob die Frage beantwortet werden kann
  • Geringe Fähigkeit dauerhafte Freundschaften zu schließen
  • Sprunghafte und oberflächliche Kontaktaufnahme
  • Dominante und oft aggressiv erscheinende Verhaltensweisen
  • Schwächen der graphomotorischen Umsetzung wegen unsicherer Kraftdosierung (schlechte Schrift vor allem beim schnellen Schreiben)
  • Überforderungsbedingte Fehlerhäufung nach dem „Streublümchensalat“ (Schusseligkeits-Fehler)
  • Koordinationsschwächen z.B. beim An- und Ausziehen im Turn- und Schwimmunterricht
  • Unordnung im Bereich der Arbeitsmittel, fehlende Bücher und Hefte
  • „Sprechdurchfall“ mit Dauermotzen, Fäkalsprache, sexistischen Ausdrücken

Möglichkeiten des hilfreichen Umgangs im Unterricht

Annahme stärken:

  • Versuchen Sie das Kind häufiger persönlich – unter vier Augen – anzusprechen, z.B. nach dem Unterricht, in Pausen.
  • Gehen Sie auf spontane Äußerungen des Kindes ein, vermitteln Sie ihm das Gefühl „gebraucht“ zu werden (z.B. kleinere Aufgaben, Hol- u. Bringedienste).
  • Wirken Sie auf Kind und Umgebung ein, sinnvolle und bestätigende Freizeitinteressen zu fördern (Bewegung, Sport, grobmotorische Angebote in Garten, Landwirtschaft etc.).
  • Versuchen Sie bei hinreichender Erfolgsaussicht positive Verstärker einzusetzen (z.B. Klebepunkte für kleine Aufgaben, hochfrequente Abrechnung und Konsequenz).

Außenseiterposition vermeiden:

  • Kinder mit ADS sind häufig sozial ausgegrenzt. Diese Position sollten Sie nicht noch durch Kommentierungen oder enttäuschte Reaktionen verstärken.
  • Schützen Sie das Kind vor Entwertungen durch Mitschüler, Eltern oder Kollegen, lassen Sie „Petzen“ nicht zu
  • Dividieren Sie im Streitfalle „das Volk“ auseinander und gehen Sie zur Tagesordnung über, Klärungen können noch zeitversetzt in Gruppengesprächen erfolgen.
  • Begrenzen Sie Ermahnungen und verbale Korrekturen auf ein Minimum, versuchen Sie jede positive Verhaltensweise – und sei sie noch so „selbstverständlich“ – zu loben und positiv zu verstärken. Tadel kann für das Kind auf eine „verquere“ Art Zuwendung bedeuten (Vorerfahrungen).
  • Kinder nicht „in die letzte Reihe“ setzen oder allein in eine Bank. Wählen Sie möglichst einen Platz in Ihrer Nähe. Ein ruhiger Banknachbar („Pate“) kann hilfreich sein.

Klare Unterrichtsstruktur anbieten:

  • Möglichst strukturierten Unterricht anbieten, den die Kinder „wie auf Schienen“ bewältigen kann (Abfragen von gelernten Wörtern, Hausaufgabenkontrolle, Heftkontrolle, klare Erklärungsphasen, Rückfragephasen, Übephasen, feste Rituale)
  • Möglichst oft Blickkontakt aufnehmen, sich im Klassenraum bewegen
  • Non-verbale Signale einbauen (wortloses Wegnehmen eines Gegenstandes, Drehen des Kopfes in die richtige Richtung, Deuten auf den Punkt im Buch, wo es weiter geht…)
  • „liebevoll stures“ Verhalten als Gegengewicht zum kindlichen „Chaos“
  • Mit „Zureden“ ist nichts zu erreichen, eher mit aufbauendem Lob
  • Im Sportunterricht begrenzte und sinnvoll-überschaubare Aufgaben stellen (z.B. Ziehen einer Matte von A nach B)

Frustrationen verringern:

  • ADS-Kinder können mit Enttäuschungen oft schlecht umgehen. Vermeiden Sie daher Wettkampfsituationen und ausgeprägte Leistungsspiele.
  • In sich zuspitzenden Situationen kann ein Bewegungsangebot Wunder wirken.

Erregungszustände kontrollieren:

  • Das Verhalten niemals persönlich nehmen, sondern als ungerichtete Abfuhr von Frustrationserlebnissen generell. Möglichst ruhig bleiben. Das Kind bewertet das eigene Verhalten nicht als auslösend, sondern faßt erregte Reaktionen der Umgebung als aggressiven Akt auf, der die Erregung verstärkt.
  • Flüchtiger Körperkontakt (kein Festhalten!) kann Wunder wirken.
  • Möglichst „Gesichtsverlust“ vor Mitschülern vermeiden, notfalls das Kind aus dem Raum nehmen („Bühne entziehen“). Damit es dies nicht als Strafe interpretiert, sollte man diese hilfreiche Möglichkeit mit dem Kind in ruhigen Situationen vorbesprechen, rasch wieder hereinholen.
  • Niemals „nachmoralisieren“, da sich so rasch – über das schlechte Gewissen oder das Gefühl der „ungerechten“ Behandlung – wieder Erregungszustände aufbauen.

Eltern in ihrer schwierigen Erziehungsaufgabe unterstützen:

  • Was Lehrer in mehreren Stunden tgl. an den Rand der Belastbarkeit führt, müssen Eltern (v.a. Mütter) den Rest des Tages (und oft auch nachts) aushalten
  • Ständige Anrufe zuhause und Klagen über das schwierige Kind stressen nur ohnehin gestreßte Eltern
  • Eltern können an der Schulsituation weder direkt, noch indirekt etwas verändern, Kinder orientieren sich direkt am jeweiligen Umfeld
  • Eltern sind zuhause „Hausherr“, Lehrer sind es in der Schule

Psychotherapie

Die Psychotherapie von Kindern mit hyperkinetischem Syndrom wird von Anhängern einer ausschließlichen Pharmakotherapie gern als nutzlos hingestellt. Diesen Standpunkt kann jedoch nur vertreten, wer einer eingeengten monokausal-organischen Entstehungstheorie das Wort redet und die mannigfaltigen emotionalen und sozialen Schwierigkeiten dieser Kinder nicht sieht oder sehen will.

Durch Medikamente kaum beeinflußbare Gefühle von Isolation, Abgelehntsein, Depressivität und reaktive Ängste bzw. Verweigerungen können in der therapeutischen Einzelsituation, im Spiel mit Puppen, in Rollenspielen, in Bildern und Tönen oft wesentlich besser gesehen und angesprochen werden, als in der i.d.R. spannungsgeladenen schulischen und sozialen Umwelt.

Die prospektiv angelegte Studie von Satterfield et al. (1980) hat den Stellenwert psychotherapeutischer Maßnahmen im Gesamt therapeutischer Maßnahmen eindrucksvoll herausgestellt.

Pharmakotherapie und Psychotherapie schließen einander keinesfalls grundsätzlich aus. Im Wege stehen sich allenfalls persönliche Empfindlichkeiten, Ignoranz oder Interessen der Befürworter einzelner Verfahren. Für Eltern bedeutet es in solchen Fällen eine schwere zusätzliche (und überflüssige) Belastung, in einen solchen Meinungsstreit hineingezogen zu werden. Andererseits gilt auch hier der Spruch: „Viele Köche verderben den Brei“ und daran anknüpfend: „Man kann nicht nur essen, man muß auch verdauen!“. Nicht viele Therapien sind hilfreich, sondern solche, die der Belastbarkeit und dem individuellen Erleben der Beteiligten Rechnung tragen.
„Funktionelle Therapien“ (am Beispiel der Ergotherapie)

Zur Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit in solchen Fällen, in denen die sensomotorische Integration nachhaltig mißlingt, empfiehlt sich auf jeden Fall die Durchführung einer qualifizierten ergotherapeutischen Behandlung, von der allerdings – wie bei allen besprochenen Maßnahmen – keine „Wunder“ über Nacht zu erwarten ist.

Kurz zu dieser Therapieform:

„SI“ ist die Abkürzung für Sensorische (oft auch „sensomotorische“) Integration. „Sensorik“ heißt so viel wie Wahrnehmung, „Motorik“ bedeutet Bewegung. Der Begriff der SI wurde durch Jean Ayres bekannt. Bei diesem Therapieansatz soll dem Kind geholfen werden, Informationen aus dem Körper und aus der Umwelt über alle Sinne ausgewogen aufzunehmen (Sensorik), zu verarbeiten und angemessen zu beantworten (Motorik).

Um dies gut zu bewältigen, ist das Kind darauf angewiesen, fördernde Erfahrungen zu machen. Die ersten Lebensjahre sind dabei von grundlegender Bedeutung, denn das Sammeln von Erfahrungen beeinflußt in erheblichem Maße die weitere Entwicklung. Wichtig ist dabei, möglichst viele Sinne anzusprechen und ausgewogen zu entwickeln.

Wir kennen im wesentlichen fünf Sinne: Sehen (visuell), hören (auditiv), riechen (olfaktorisch), schmecken (gustatorisch) und fühlen (taktil).

In der SI-Behandlung kommen noch zwei weitere Wahrnehmungsbereiche dazu: Eigenwahrnehmung (Tiefensensibilität oder Propriozeption) und das Gleichgewicht (Vestibularapparat). Eigenwahrnehmung ist uns etwas sehr vertrautes. Wir wissen z.B. ohne hinsehen zu müssen, wo und in welcher Lage sich unsere Körperteile befinden. Diese Informationen erhalten wir ständig über unsere Muskeln, Sehnen und Gelenke.

Ein Kind muß dies erst kennen lernen, sich einen Begriff von Körper und Körperteilen machen, um sich als Persönlichkeit zu erkennen und von der Umwelt zu unterscheiden.

Das Gleichgewichtsorgan sitzt im menschlichen Ohr und ist in etwa mit einer Wasserwaage vergleichbar. Es zeigt uns also an, in welcher Lage wir uns im Raum befinden. Bezugspunkt ist dafür die Schwerkraft. Ein Kind lernt meist im Verlauf des ersten Lebensjahres, sich gegen die Schwerkraft aufzurichten, es lernt oben-unten, vor-zurück, rechts-links usw. Hierzu braucht es vor allem die Wahrnehmungsbereiche Fühlen, Eigenwahrnehmung und Gleichgewicht.

Normalerweise sucht ein Kleinkind automatisch die erforderlichen Alltagsreize aus seiner unmittelbaren Umwelt, die es für diese spannenden Lernprozesse benötigt. Liegt aber eine Störung vor, braucht es hierfür möglicherweise gezielte Unterstützung. Hier liegt der Schwerpunkt der SI-Behandlung.

Es gibt Kinder, die übersensibel für bestimmte Reize sind. Sie mögen beispielsweise nicht gerne toben oder schaukeln oder barfuß gehen. Und es gibt Kinder, bei denen es genau gegenteilig ist. Nicht jedes Kind hat deshalb gleich eine Wahrnehmungsstörung.

Kinder mit sensomotorischen Verarbeitungsschwächen aber sammeln nicht genügend Erfahrungen, entweder mangels Gelegenheit, oder mangels angemessener Verarbeitung. In der Ergotherapie wird eine wohldosierte Auswahl fördernder Erfahrungen nach einer genauen Planung angeboten. Dabei wird von den bestehenden Fähigkeiten ausgegangen. Durch Lob, Bestätigung, Ermunterung und freudiges Tun wird das Kind angeregt, Neues auszuprobieren und zu vertiefen. Typische Merkmale in der SI-Behandlung sind z.B. Rollbretter, Bohnenwanne, Trampolin, schiefe Ebene, Schaukel.
Psychostimulantien

Einleitung

Stimulanzien bekamen eine bedeutende Rolle in den 50er und 60er Jahren in den USA, v.a. in der Therapie der Lernstörungen, nachdem die Wirkung Ende der 30er Jahre durch Untersuchungen von Bradley erkannt worden war (Bradley, 1937).

In den USA erhalten mehr als 6 % aller Schulkinder Stimulantien, in Deutschland ca. 0,2 %, trotz vergleichbarer Häufigkeit.

Die Anfangseuphorie ist mittlerweile einer sehr viel differenzierteren Betrachtung gewichen und „es steht zu hoffen, daß sich andernorts begangene Fehler und Übertreibungen nicht an Hunderttausenden unserer Kinder wiederholen“ (Zitat Prof. Martinius, München).

Vereinfacht gesagt greifen diese Mittel in die Informationsübertragung Übertragung von einer Nervenzelle zur nächsten, auf der Ebene der sogenannten „Neuro-Transmitter“, ein. Einige Untersuchungen gehen davon aus, daß dabei wichtige Botenstoffe (Dopamin) unselektiv in höherer Konzentration zur Verfügung gestellt bzw. präsynaptisch langsamer abgebaut bzw. wieder aufgenommen werden. Psychostimulanzien sind danach also indirekt wirkende Dopamin- und Noradrenalin-Agonisten. Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren jedoch legen die Vermutung nahe, daß bei Kindern mit ADHS bereits eine Überfunktion des sog. nigro-striatalen Systems vorliegt (vgl. dazu Robbins, 2002), also eine Überproduktion an dopaminergen Substanzen. Psychostimulanzien würden nach diesen Beobachtungen die Dopaminfreisetzung vermindern, also das präsynaptische dopaminerge Neuron hemmen (Krause et al., 2000).

Stimulantien sind also – zumindest innerhalb der üblichen Dosierung – keine „dämpfenden“, sondern anregende Mittel, die bei unbelasteten Menschen vielleicht jene Überaktivität auslösen würden, die sie beim Kind mit „hyperkinetischem“ Verhalten vermindert.
Wie kommt es zu dieser zunächst paradox erscheinenden Wirkung?

Ein Beispiel mag dies erläutern:

Alte Menschen leiden bisweilen an Durchblutungsstörungen des Gehirns. Trinken sie abends eine Tasse Kaffee, dann sitzen sie nicht etwa aufrecht im Bett, sondern schlafen beruhigt ein.
Oder ein anderes Beispiel:

Besuchen Sie Verwandte in einer Großstadt, die vielleicht an einer belebten Kreuzung, in einer Einflugschneise oder Bahnlinie leben, so werden sie vielleicht ausrufen: „Mein Gott, dieser Lärm, ich verstehe kein Wort. Wie hältst Du das nur aus?“. Die Verwandten aber werden möglicherweise, trotz geöffneter Fenster und Türen, entgegnen: „Lärm? Ach ja, den höre ich gar nicht mehr!“.

Das Gehirn besitzt also eine Art „Filter“, mit dem es störende Reize, also hier z.B. den Lärm, von wichtigen Reizen, dem Gespräch, unterscheiden kann. Störende Reize werden aus dem Bewußtsein verdrängt. Für diese Filterleistung bedarf es einer abgestimmten Konzentration der erwähnten Transmitterstoffe im Gehirn. Viele „hyperkinetische“ Kinder haben eine sogenannte „Filter-Schwäche„.

Chemische Struktur

Psychostimulanzien gehören keiner einheitlichen Substanz-Gruppe an. Unterschieden werden u.a. Amphetamine und Nicht-Amphetamine
Pharmakologie

Die Wirkung beruht im Wesentlichen auf einem direkten Angriff an dopaminergen und noradrenergen Effektorzellen. Die Stoffe werden nach oraler Gabe rasch resorbiert und passieren leicht die Blut-Hirn-Schranke.

Typische Vertreter sind:

  • Coffein
  • Kokain
  • Amphetamine
  • Nicht-Amphetamine

Coffein und Kokain werden nicht zu therapeutischen Zwecken eingesetzt.
Zu Amphetaminen / Nicht-Amphetaminen:

Stärkster Vertreter der Amphetamine: Methamphetamin (Pervitinâ ), weitere Stoffe sind verschiedene Medikamente wie Ritalin , Preludin , Captagon , Teronac .

Wirkung:

Dopamin wird vermehrt aus präsynaptischen Nervenendigungen freigesetzt. Bei Ritalin wird speziell der Rücktransport von Dopamin in das präsynaptische Neuron gehemmt.
Allgemeine Wirkungen der Psychostimulanzien

  • Die Stoffe unterdrücken das Gefühl der Müdigkeit und Schläfrigkeit und beheben Gefühle der körperlichen Abgeschlagenheit.
  • Es kommt zu einer vorübergehenden Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.

Methylphenidat

Pharmakokinetik:

  • Methylphenidat wird rasch und vollständig resorbiert und verteilt sich im Blut zu 57 % auf das Plasma, zu 43 % auf die Erythrozyten. Die Bindung an Plasmaproteine ist mit 10-33 % relativ gering.
  • Die Plasmakonzantrationen schwanken intra- und interindividuell stark, ohne daß damit ein praediktiver Aussagewert für die therapeutische Wirksamkeit verbunden wäre.
  • Die relativ kurze Halbwertszeit von 2-4 Std. korreliert gut mit der Wirkdauer von 1-4 Std.
  • Bei Kindern mit hyperkinetischem Syndrom wurde ein Gipfel der Plasmakonzantration nach ca. 2 Std. verzeichnet.
  • Methylphenidat wird vor allem zu Ritalinsäure abgebaut und langsam renal ausgeschieden. Bei bestehnder Niereninsuffizienz ist eine Akkumulation möglich, aufgrund der geringen Wirksamkeit des Metaboliten jedoch kaum wirksam.

Hinweise des Herstellers

Nach Herstellerangabe (Fach-Info der Firma Geigy Pharma) erfordert die Verordnung eine kritische Abwägung ursächlicher Faktoren unter dem Gesichtspunkt der Chronizität und Ausprägung, sollte daher auch nicht aufgrund einzelner Verhaltensmerkmale erfolgen. Auf medikationsfreie Intervalle (z.B. Ferien) sei zu achten.

Dosierungsvorschläge:

  • Behandlungsbeginn mit 5 mg morgens, wöchentliche Steigerung mit 5-10 mg bei Bedarf, max. 60 mg tgl. (@ 6 Tbl.).
  • Individuelle Tagesmenge 0,3-1,0 mg/kg KG
  • Einnahme unmittelbar nach dem Essen, bei Bedarf in 2 Dosen 10 / 5 mg. Keine Gabe nach 16.00 Uhr !

Wirkung bei niedriger Dosierung: Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit

Wirkung bei höherer Dosierung: Ansprache der Emotionalität, gleichzeitig Verschlechterung der Konzentrationsleistung

  • Die Mehrzahl hyperkinetischer Kinder reagiert bereits am ersten Behandlungstag deutlich mit einer Abnahme von Unruhe und Impulsivität sowie verbesserter Konzentrationsfähigkeit.
  • Unter ihnen findet sich eine kleine Gruppe mit dramatischer Besserung („Responder“) und eine größere mit eher heterogener Besserung in Teilbereichen (Intermediärgruppe).
  • Eine ebenfalls kleine Gruppe zeigt eine Verschlechterung (Non-Responder).

Die Wirkung sollte durchgängig dokumentiert werden (semiquantitative Erhebung mittels Fragebögen).
Die Dauer der Behandlung ist individuell anzulegen, angesichts der Belastungen einer medikamentösen Behandlung aber immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Bei einigen Kindern stellt sich auch nach dem Absetzen einer Behandlung schon nach wenigen Monaten eine längerfristige Beruhigung (vermutlich durch die umfassende Veränderung der Lebensbedingungen und der Haltungen der Beteiligten) ein.

Nur selten sollte die Therapie länger als zwei Jahre dauern.

Einen kurativen Effekt hat die Stimulanzientherapie vermutlich nicht, vielmehr „wachsen“ die Kinder wohl in der Regel aus ihren Problemen heraus.
Prinzipiell mögliche Nebenwirkungen (ungewichtet):

  • Pulsbeschleunigung (Tachykardie)
  • Blutdruckerhöhung (Hypertonie)
  • Schlaflosigkeit/Schlafstörungen (meist bei Gabe nach 16.00 Uhr)
  • Tremor
  • Kopfschmerzen
  • Mundtrockenheit
  • Durchfälle (Diarrhoe)
  • Appetitstörungen
  • Müdigkeit
  • Schwindelgefühl
  • Übelkeit
  • Bauchschmerzen
  • Verstimmungen
  • Erregungszustände
  • Wachstumsstörungen (bei durchgängiger langjähriger Anwendung).

Wichtigste Kontraindikationen:

  • Tics (v.a. Tourette-Syndrom)
  • Psychogenese der Hyperaktivität
  • Bekanntes Anfallsleiden (Senkung der Krampfschwelle)

Hinweise auf besondere Risiken und Spätfolgen bei Stimulanzientherapie

Medienberichte haben in der jüngsten Vergangenheit zu Unsicherheit bei Betroffenen geführt, ob und in wieweit langdauernde Stimulanzientherapie zu Schädigungen und Spätfolgen führen können. Bislang ist aber noch keine Vermutung in dieser Richtung anhand eines Einzelfalles oder einer kontrollierten klinischen Studie bestätigt worden.

Insbesondere gibt es bislang keinerlei Hinweis auf eine Abhängigkeitsentwicklung. Sorgfältige Studien belegen vielmehr im Gegenteil ein geringeres Risiko bei ADHS-Kindern hinsichtlich eines späteren Substanzmißbrauchs (Biedermann et al., 1999 oder Lojewski et al., 2002). Zu ähnlichen Ergebnissen kommen neuere tierexperimentelle Studien (Andersen et al., 2002).

Versuche an Ratten (Moll et al., 2001) ergaben wegen der geringen Zahl der Tiere keine statistisch signifikanten Ergebnisse hinsichtlich der Frage, ob Methylphenidat schädigende Wirkung auf das sich entwickelnde Gehirn ausüben könnte. Es wurde vermutet, daß die Dopamin-Transporter-Dichte im Striatum geringfügig vermindert werden könnte. Die Tiere zeigten jedoch keine klinischen Auffälligkeiten. Nach Ansicht der Untersucher sei eine langfristige Reduktion durch Degeneration dopaminerger Zellen des nigro-striatalen Systems auszuschließen. Würde das Alter der Testtiere auf Menschenalter hochgerechnet, ergäbe sich allenfalls ein minimales Risiko im frühsten Kindesalter (zwischen drittem und sechstem Lebensjahr). Methylphenidat ist jedoch erst ab einem Alter von sechs Jahren zur Anwendung bei Kindern zugelassen.

Tierexperimentelle Untersuchungen mit ausgesprochen hohen Methylphenidat-Dosen ergaben bislang keine Hinweise auf eine Degeneration dopaminerger Neurone im Striatum (Yuan et al., 1997). Trotz langfristiger Behandlungserfahrungen mit Methylphenidat (über 60 Jahre) wurde bislang kein einziger Fall eines Parkinson-Syndroms unter dieser Therapie bekannt.

 

 

 

 

Die Medikamentenwirkung wird in der Regel zB. von Lehrkräften oder anderen im Alttag mit den Kindern arbeitenden Menschen anhand von Beobachtungsskalen dokumentiert, so daß eine individuelle Einstellung mit optimalem Ergebnis erreicht werden kann.

Schlußbetrachtung

  • „Hyperkinetisches Verhalten“ bei Kindern ist eine existentielle Krise für alle Beteiligten, für Eltern, Lehrer und die Kinder selbst.
  • Krisen aber, Überforderungen und Überlastungen suchen fast zwangsläufig nach Schuldigen, die in die Verantwortung genommen werden können.
  • Eine effiziente Behandlung sollte Schuldgefühle abbauen, die Ressourcen aller Beteiligten stärken und gegenseitiges Verständnis fördern.
  • Ob Diät, Familientherapie, ob Ergotherapie oder Ritalin: Alles was der Entlastung dient ist sinnvoll, alles was Schuldgefühle fördert ist hinderlich.
  • Wirkliches Verständnis aber werden Eltern, als Hauptträger von Sorge und Verantwortung, am ehesten unter Gleichgesinnten und Betroffenen finden.

Wenn es in Heinrich Hoffmanns „Zappel-Philipp“ so anschaulich heißt: „…und die Mutter blicket stumm, auf dem ganzen Tisch herum“,
so rate ich Eltern und Lehrern gleichermaßen dringend:

  • Überwinden sie die Sprachlosigkeit und Vereinsamung
  • Sprechen Sie über Ihre Erfahrungen, Gefühle und Ängste

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Dieser Artikel wurde mir mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung überlassen.

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