Anorexie

„Auf der Suche nach der Mitte – Magersucht als Lebenskrise“

von Prof.Dr.med. Dietrich Petersen 2001

In einer gesellschaftlichen Gesamtsituation in Deutschland, in der weiterhin vom „Zusammenwachsen“ die Rede ist, nämlich jener Teile oder Bevölkerungsgruppen (in Ost und West), die laut Definition „zusammengehören“, verunsichern Fachwelt und Betroffene zunehmend jene Mitmenschen, die an genau diesem „kranken“: Dem Mangel an innerer Zusammengehörigkeit, Verbundenheit mit sich und einem Identitätsgefühl. Daß solch ein Mangel an innerer Kohärenz und Ausgewogenheit eine Lebenskrise darstellen kann, soll am Thema „Magersucht“, als einem zunehmend häufiger anzutreffenden Phänomen in unserer westlichen Kultur erläutert werden.

Aber zunächst einmal eine eher provokante Frage: 

  • Ist Magersucht eigentlich eine Krankheit ?
  • Ist sie eher Ausdruck und Folge eines „selbstgewollten, erbitterten und trotzig geführten Hungerstreikes“ ? (STIERLIN 1980), darin eher einem Hungerstreik Gefangener vergleichbar ? Sind magersüchtige Menschen auch Gefangene ?
  • Oder anders gefragt: Sind die Betroffenen noch „Herr/Frau der Lage“ ? „Herr/Frau im eigenen Hause“ ?

Magersüchtige können uns dazu oft wenig sagen. Auf die Frage nach dem „Warum“ ihres Verhaltens reagieren sie meist verständnislos. Diese wird

  • als irrelevant abgetan
  • mit einer Diät verteidigt
  • mit ihrem Schlankheitsideal in Verbindung gebracht.

Was tun wir dann angesichts unserer Argumentationsnotstände und Beweislasten ? Wir suchen Halt, z.B. im Griff zum „Meßbarem“, „Überprüfbarem“ oder „Beweißbarem“: Ein in der Fachwelt häufig genutztes Diagnoseschema gibt Hinweise auf die häufigsten Symptome und Erscheinungsformen der „Magersucht“.

Klassifikation nach DSM III – Schema: 

  • Intensive Angst, zu dick zu werden, die auch durch zunehmende Gewichtsabnahme nicht nachläßt
  • Verändertes Körperschema, auch bei hochgradiger Gewichtsabnahme fühlen sich die Patienten „zu dick“
  • Gewichtsverlust von mindestens 25 % des Originalgewichtes
  • Weigerung, ein Minimalgewicht, bezogen auf Alter und Körperlänge, aufrechtzuerhalten
  • Keine organische Ursache, die für den Gewichtsverlust verantwortlich wäre.

Wichtige Symptome

  • Gewichtsverlust
  • Gestörtes Verhältnis zu Essen, Nahrungsaufnahme, Körpergewicht
  • Amenorrhoe (fehlende Monatsblutung)
  • Obstipation („Verrstopfung“).

Außerdem werden häufiger unspezifische, d.h. auch in Verbindung mit anderen seelischen und körperlichen Leiden auftretende zusätzliche Erscheinungsformen beschrieben:

Zusätzliche Erscheinungen

  • Leibschmerzen, Völlegefühl, Erbrechen, Bulimie, Laxantienabusus (Abführmittel-Mißbrauch), Hyperaktivität, Schlafstörungen
  • Bradycardie (langsamer Puls), Hypotonie (Kreislaufschwäche)
  • Trockene Haut, Akrozyanose (Blaufärbung der Finger), Hypothermie (Temperaturverlust)
  • Ödeme (Wassereinlagerung im Gewebe) und Vitaminmangelzustände (selten).

Dies alles verdeutlicht eine Notsituation, die bis zur stationären Behandlungsnotwendigkeit führen kann, hilft aber nicht zum Verständnis dessen, was den betroffenen Menschen so ganz anders empfinden läßt.

Hier geht es also um das Verständnis und das Einfühlen in die seelische Lage der betroffenen Menschen.

Aus der Fülle der persönlichen Empfindungen und individuellen Reaktionsweisen möchte ich folgende Schwerpunkte herausgreifen:

  • Die Verschränkung von Eß- und Beziehungsproblemen
  • Das Schwanken zwischen Autonomie und Abhängigkeit
  • Das Schwanken zwischen Macht und Ohnmacht.

Die Verschränkung von Ess- und Beziehungsproblemen

Die ehemals anorektische, inzwischen bulimische „Yvonne“, 19 j., malt in der Therapie ein „Bergmotiv“:

Sie sieht einen unheimlich großen, eisigen Berg im Nebel, an den sie nicht herankommt. Sie geht auf einer asphaltierten Landstraße durch ein Touristendorf, mit vielen Läden und Menschen auf der Straße. Das Wetter im Dorf ist schön, sie genießt alles in der Unverbindlichkeit der Touristen-Atmosphäre, fühlt sich – ebenfalls Touristin – frei und ungebunden, solange sie durch das Dorf geht. Am Ende desselben entdeckt Yvonne, daß die Straße durch einen Tunnel in den vor ihr liegenden Berg führt. Sie weiß, „daß die Straße irgendwo rauskommt und weitergeht, aber nicht wo und wie“ (keine Zukunftsperspektive). Yvonnes Stimmung verändert sich abrupt. Sie empfindt Einsamkeit, Trostlosigkeit, die Leere und Schwärze des Tunnellochs (!) erschreckt sie zutiefst, „danach kommt nichts“.

Was könnte ihr helfen ? „Vielleicht ein Eis, dann bin ich abgelenkt und nicht mehr so allein“.

Auf dem Bild hält sie das Eis in der Linken, als wenn sie sich „an irgendetwas festhalten“ müsse. Am Tunneleingang muß sie jedoch kehrt machen und wieder unter Leuten sein, obwohl sie erkennt, daß diese ihr eigentlich „nichts bedeuten“. Sie vermitteln die Illusion nicht ganz verlassen zu sein.

Ein zweites Beispiel:

„Eva“, 20 J., soll sich einen weiblichen Vornamen vorstellen und einen dazugehörigen Menschen (meist stellt sich Ich-Ideal ein).

Sie sieht eine Freundin, die sie zunächst sehr idealisiert. Dann wechselt die Stimmung. Eva glaubt, daß die Freundin ein anderes Mädchen bevorzugt. Sie erlebt Enttäuschung, Neid, Zorn und ein zunehmend bitteres Gefühl des Alleingelassenseins. In diesem Zustand sieht sie, wie sich in ihrer Lebensmitte ein Loch befindet, und es überfällt sie der unwiderstehliche Drang, das Loch zu füllen – materieller Ersatz für die seelische Leere.

Was ist hier „normal“, was ist Anlaß zu Sorge oder therapeutischen Bemühungen ?

Wir alle kennen das Bedürfnis „sich den Bauch vollzuschlagen“, vor allem bei emotionaler Enttäuschung („Frustesser“) und Überforderung. Aber wir alle kennen auch den kleinen und entscheidenden Unterschied: Es bleibt bei einzelnen Reaktionen, die wir als „untypisch“ und störend erleben, jedenfalls nicht als Normalfall, den wir in beharrlicher Argumentation verteidigen müssen.

Menschen mit magersüchtigem Verhalten können dieses Bedürfnis entweder nicht mehr „stillen“ oder müssen es rigide abwehren (und in der Bulimie auch beides zugleich !).

Das Zitat einer Betroffenen verdeutlicht diese Zwickmühle eindrucksvoll:

„Wenn ich erstmal anfange zu essen, dann kann ich nicht mehr aufhören, bin ich für immer verloren !“.

Es ist dies also ein qualitativer Unterschied, das heißt ein Unterschied im Prinzip und kein nur quantitativer, also einer der Menge.

Es fehlt dem magersüchtigen Menschen in der Regel an

  • der Mitte, dem Mittelmaß, der Fähigkeit des Ein-Haltens von Grenzen
  • Fähigkeiten „Leib und Seele zusammenzuhalten“ (Spaltung in „guten Geist“ und „bösen Körper“)
  • der Möglichkeit Spannungen und Gegensätze auszuhalten
  • Wegen, sich aus Abhängigkeiten von anderen zu lösen
  • Schritten, eine eigene Identität zu finden.

Dies alles läßt sich am ehesten auf dem Hintergrund einer längeren Beziehungsgeschichte erklären, deren Wurzeln bis in die frühe Kindheit zurückreichen, also Eltern und Kind gemeinsam betreffen.

Lassen sie mich also kurz zusammenfassen:

Es gibt im problematischen Eßverhalten quantitative Unterschiede (der Menge) und qualitative (des Prinzips). Auch Masern, die einen leichten Ausprägungsgrad haben oder gar nicht als Krankheit in Erscheinung treten, wie auch schwere Verläufe zeigen können, bleiben immer Masern. Ähnlich bei der Magersucht: Es gibt Extremformen (anorektisch wie bulimisch) und Mischformen verschiedener Ausprägung. Sie alle jedoch basieren auf einer „Grundstörung“, einem mit einer tiefen Selbstwertkrise einhergehenden extrem abweichenden Eßverhalten mit folgenden Wahrnehmungs-Defiziten:

  • Weder der äußere Leibesumfang, noch innere Körperrealitäten (Gefühle von Hunger und Sättigung) können klar erkannt werden
  • Es kommt zu einer zwanghaften Kontrolle, die sich an äußeren Werten und „Maßen“ orientiert.

Das Schwanken zwischen Autonomie und Abhängigkeit

Lassen sie mich vorweg zwei Begriffe erläutern, die eng mit dem Konzept des Magersuchtsverständnisses tiefenpsychologischer Prägung verbunden sind, die Begriffe „Grundstörung“ oder „Frühstörung“.

Hierbei handelt es sich um eine zwischenmenschliche Störung in einer sehr frühen Entwicklungsphase, in der das „primäre Liebesobjekt“ (i.d.R. die Mutter in der Mutter-Kind-Beziehung, der sog. „Dyade“) eine zentrale Rolle einnimmt.

Auch wenn mir dies nur schwer gelingen wird, möchte ich schon an dieser Stelle um Verständnis bitten: Wenn ich mir die Beziehung zwischen Kind und versorgendem Elternteil kritisch betrachte, so geschieht dies niemals unter dem Blickwinkel der Schuld-Zumessung, sondern im Bemühen darum, eine Beziehung und ihre Umstände zu verstehen, die seit früher Kindheit Eltern und Betroffene in eine Lebens-Sackgasse, die „Magersucht“ geführt hat.

Der zentrale Lebensinhalt des kleinen Säuglings dreht sich nun mal in erster Linie um die Nahrungsaufnahme. Der Embryo genießt im Idealfall einer ungestörten Schwangerschaft eine vollkommene Versorgungseinheit. Er wird beständig gesättigt, ohne zu schreien. Er genießt Ruhe und Geborgenheit und die angenehme Wärme von 37° C, ohne sich darum kümmern zu müssen – ganz von selbst.

Nach der Geburt jedoch folgt die radikale Umstellung:

  • Er muss selbst saugen, schlucken oder schreien um zu leben, nur die Atmung geht von selber
  • In dieser ersten Zweierbeziehung Mutter-Kind spielt sich ein sehr sensibles, tief emotionales und störanfälliges Mit- und Gegeneinander ein (Ur-Vertrauen)
  • der Säugling sendet Signale an seine Umwelt (z.B. Schreien), die verstanden und beantwortet werden (müssen) und beginnt sich gleichzeitig auf seine Umwelt

einzustellen, sich anzupassen. Beides gehört zusammen.

  • Dies findet in einem zirkulären gegenseitigen Austausch statt.
  • Der Eßvorgang steht nun im Zusammenhang mit einem intensiven Beziehungserleben und grundlegenden Gefühlserleben (Zufriedenheit, Verlassenheit, Angst).
  • Damit wird deutlich, daß Beziehungsstörungen dieser Zeit eng mit Beziehungsaspekten und Autonomiegesichtspunkten (selbst saugen, schlucken etc.) verknüpft sind.

Zur Frage von Abhängigkeit und Autonomie:

Für jedes Kind gilt, was uns auch als Erwachsenen lebenslang begleitet: Daß wir in einem ständigen Ambivalenzkonflikt begriffen sind zwischen Geborgenheits- und Versorgungswünschen einerseits, der Notwendigkeit der Verselbständigung und Lösung andererseits. Nur wenn Letztere im (mehr oder weniger) gegenseitigen Einverständnis wächst, wird sie nicht zur Bedrohung für das Kind oder die Eltern. Die Blockierung der „bedrohlichen“ Eigenständigkeit bedeutet einen folgenschweren Konflikt im späteren „Magersuchts-Drama“. „Normalerweise“ haben Eltern und Kinder durchaus verschiedene Rhythmen und Bedürfnisse.

Werden solche Gegensätze als bedrohlich erlebt und nicht geklärt, sondern unter der Decke einer idealisierenden Harmonie verborgen, kommt es leicht zu schwelenden Zweifeln und Schuldgefühlen. Es entsteht ein nicht endender Kreislauf angestrengter Bemühungen, es dem anderen um jeden Preis recht zu machen, da die Angst groß ist, ihn zu enttäuschen und „für immer“ zu verlieren.

  • In Magersuchts-Familien findet sich dieses auffallende Bemühen um familiäre Harmonie und Einigkeit „um jeden Preis“ sehr oft.
  • Unsicherheiten, Ambivalenzen gab es dann oft schon vor der Geburt (persönliche Entwicklung der Eltern, Krisen etc.).
  • Später bekommt dann das Kind häufig eine zentrale Bedeutung im Familiensystem, wird mal „zum Ausgleich“ überaus verwöhnt oder bestraft, sobald es sich der gemeinsamen Harmonie-Basis entzieht.
  • Oft haben Magersüchtige von früher Zeit an eine intensive Kontrolle erfahren. Als Kind wurden sie ständig überwacht und „gemanagt“, da die Eltern schon wußten, was gut für das leibliche Wohl des Kindes sei, wann es zu essen habe, zum Balett geschickt wurde oder zur Leichtathletik. Dem Bedürfnis des Kindes und seinen Äußerungen wurde kaum getraut.

Es liegt nahe, daß die Kinder dadurch eine eigene leibliche Vertrauensbasis, ein Leib-Sein nicht oder wenig erfahren haben.

Sie „besitzen“ einen Körper, der jedoch erst durch die Bestätigung durch andere auch der ihrige ist. Für sie ist es daher besonders bedrohlich, wenn ihnen während der Pubertät (daher „Pubertäts-Magersucht“) der gewohnte Kind-Körper entwächst und damit zum „Fremd-Körper“ gerät, der überdies dem mütterlichen so auffällig gleicht.

Immer wieder hören wir, daß magersüchtige Mädchen zwar „ohne die Mutter nicht sein“ können, aber „so wie die Mutter auch nie werden wollen“.

Magersüchtige leben diesen Autonomie-Abhängigkeits-Gegensatz besonders intensiv:

  • Einerseits überaus liebevoll, feinfühlig und angepaßt, „bekochen“ sie z.B. ihre Familie, erweisen sie sich als ehrgeizig, häuslich und leistungsbereit.
  • Andererseits verweigern sie sich trotzig den Vorstellungen ihrer Umgebung, können deren Sorgen und Ängste garnicht verstehen, verweigern sich gutgemeinten Ratschlägen und Hilfestellungen bzw. unterlaufen sie, sobald die besorgte Kontrolle der Umwelt nachläßt.

Das Schwanken zwischen Macht und Ohnmacht

In dem dargestellten Autonomie-Konflikt finden die Betroffenen dann die „geniale“ Lösung: Die Doppelbotschaft, sich zu verselbständigen und doch das liebe Kind zu bleiben, vollzogen an einem „kontrollierbaren“ Objekt, ihrem eigenen Körper. Durch das Hungern verhindern Magesüchtige die gefährlichen „weiblichen“ Veränderungen der Pubertät, die Entwicklung eines fraulichen Körpers, das Einsetzen der Regelblutung. Durch die Brille der Anorexie verwandelt sich ihr Körper wieder in den braven Kind-Körper.

Andererseits zeigt sich in diesem Verhalten ein ungeahnter Eigen-Sinn, der Sinn zum Eigenen. Tatsächlich erleben Magersüchtige ja konkret, wie sich durch das Fasten die anfängliche Ohn-Macht zu einem enormen Machtfaktor (nicht nur über den Körper) entwickelt. Sie gewinnen Macht über das gesamte Familiensystem, dem sie sich andererseits so willig unterworfen haben.

Gerade am Anfang einer anorektischen Entwicklung hören wir immer wieder von einem Hochgefühl, einer Euphorie, der grandiosen Utopie einer nicht endenden Unabhängigkeit, in der sich die Magersüchtigen allen anderen überlegen fühlen.

Zur Verdeutlichung ein Fall-Beispiel:

Die 17jährige Ulrike macht das in einem 3-Baum-Zeichen-Test (Corboz, 1980) transparent. Bei diesem Verfahren werden die Test-Probanden aufgefordert, drei beliebige Bäume auf ein Blatt zu zeichnen, wobei sich im Nachhinein nicht selten herausstellt, daß die Bäume symbolisch Angehörige der Familie repräsentieren können. In Ulrikes 3-Baum-Test (Abb. 14) sieht man zunächst scheinbar nur einen Baum, in dessen Geäst auf der linken Seite hintergründig aber ein zweiter, ganz ähnlich strukturierter Baum erkennbar wird. Von dem dritten ahnt man nur den Stamm, seine Krone geht im übrigen Astgewirr des Hauptbaumes unter.

Zu diesem Bild bemerkt Ulrike, daß sie selbst der starke Baum in der Mitte sei, der die anderen in den Schatten stelle. Sie erklärt dazu, daß sich ja alles um sie und ihre Krankheit drehe. Die beiden beschatteten Bäume seien die Mutter und die jüngere Schwester (welche nach einem Autounfall mit einem Schädeltrauma behindert war). Diese Schwester nun hatte sich zur „Dienerin“ der bulimischen Schwester gemacht, indem sie das von dieser Ausgebrochene auf der Toilette immer wieder beseitigte oder versuchte, sie vom Fressen abzuhalten und dergleichen. Unsere Patientin erkannte aber an der Baum-Zeichnung, daß sie nur aus der Schwäche der Schwester ihre komplementäre Stärke beziehen konnte, womit sie von der Schwester genauso abhängig wurde wie jene von ihr.

Die Dritte im Bunde, die Mutter, komplettierte das verwirrende Machtspiel noch dadurch, daß sie alternierende Bündnisse zwischen den Töchtern einging, ein Knäuel, in dem auch sie (schließlich) keinen eigenen Faden mehr fand, um wenigstens ihre Führungsposition zu klären.

Die Behandlung

Der Verlauf der Anorexie ist außerordentlich variabel. Nach der Vielzahl der vorliegenden Studien erreichen etwa 50 % der Patientinnen unter psychotherapeutischer Behandlung ein zufriedenstellendes Zurückgehen der Symptomatik. Früher Beginn der Problematik (z.B. vor dem 16. Lj.) scheint eine bessere Prognose aufzuweisen, eine lange Krankheitsdauer mit mehrfachen stationären Behandlungen läßt diese eher ungünstig aussehen. Die Mortalität wird allgemein mit 3-15 % angegeben, bei längerer Krankheitsdauer zunehmend. Die Selbstmordrate soll zwischen 3-5 % liegen.

Das „anorektische System“ ist äußerst vielschichtig und zwiespältig. Es fällt auf, daß verschiedene Therapie-Schulen mit vergleichbarer Verbissenheit um die Frage ringen, wer die beste sei. In der klinischen Behandlung vermögen Magersuchtspatienten auch routinierte Behandlungsteams in „gute“ und „böse“ versus „schlechte“ Therapeuten zu spalten.

In der ambulanten Behandlung finden sie immer wieder neue Therapeuten oder Behandlungskonstellationen die schlechter oder besser, radikal gut oder radikal schlecht sind. Auch hierin spiegelt sich der bekannte Konflikt um Maß und Un-Maß, gut und böse wieder.

In der BRD gibt es z.Zt. zwei vorherrschende Therapierichtungen, die von den Kostenträgern relativ zuverlässig anerkannt werden:

Die Verhaltenstherapie, die sich in erster Linie am Erscheinungsbild des Leidens, dem Symptom orientiert und die tiefenpsychologische Psychotherapie bzw. Psychoanalyse, auch in Form der Musiktherapie, die sich in ihrem Vorgehen vor allem um einen Verständnishintergrund bemüht. In den letzten Jahren hat sich zunehmend die Familientherapie etabliert, vor allem im ambulanten Bereich der Behandlung.

In der Praxis zeigt sich häufig, daß die einzelnen Verfahren nicht streng gehandhabt, sondern oft auch kombiniert eingesetzt werden. Familientherapie und Verhaltenstherapie setzen eher im „hier und jetzt“ an.

Verhaltenstherapie arbeitet häufig mit folgenden Techniken:

  • Konditionierungsprogramme
  • Belohnung und „Bestrafung“ (positive/negative Konditionierung)
  • Übungen für ein neues Ess-Verhalten
  • Verbesserungen des Selbstwert-Erlebens durch konkrete Erfahrungen.

Familientherapie bezieht sich auf das gesamte System Familie und versucht dies hinsichtlich seiner Ressourcen anzusprechen, Kommunikation und Interaktionen therapeutisch zu modifizieren.

Gute Erfolge erzielt schließlich die Musiktherapie, v.a. die analytisch bzw. tiefenpsychologisch orientierte Musiktherapie. Sie stellt die frühen Störungen in der Selbstwertentwicklung ganz zentral in den Mittelpunkt, bearbeitet sie auch auf einem sehr frühen Stadium der Entwicklung, der prä-verbalen (vor-sprachlichen) Ebene der Embryonal- und Säuglingszeit. Dabei werden u.a.

  • Klang und Rhythmus
  • sprachliche Erörterung des Erlebten
  • non-verbale Körpersprache und
  • unmittelbares Körpererleben eingesetzt.

Auch andere kreative Ausdrucks-Medien haben sich bewährt, um das in den Hintergrund gerückte „Gefühl“ mit Körper und Seele zu versöhnen:

Maltherapie, Tanz- und Bewegungstherapie oder deren sinnvolle Kombination sowie verschiedene Formen tiefenpsychologisch orientierter Konfliktbearbeitung wie Gestalttherapie, Morphologie u.ä.m.

Ich möchte an dieser Stelle keine Empfehlung für eine bestimmte Therapieform aussprechen, sondern dafür plädieren, in Abwägung und Würdigung des jeweiligen Einzelfalles nach der Methode zu suchen, die der Situation der Betroffenen am ehesten gerecht wird. Steht die Familiendynamik ganz im Vordergrund, v.a. bei jüngeren Mädchen, so halte ich die systemische Familientherapie für besonders geeignet.

Bei älteren Patientinnen, vor allem in der Heranwachsenden-Zeit ist je nach Einzelfall eine tiefenpsychologische Behandlung sinnvoll, die in der Regel als Einzeltherapie mit gemeinsamen Familiensitzungen in gewissen Abständen durchgeführt wird. Dabei werden verschiedene Ansatzpunkte zu suchen sein:

  • Mal eine Korrektur des Eßverhaltens,
  • dann die Klärung des verwirrenden Beziehungsgeflechtes,
  • oder die Arbeit an der Eigenverantwortlichkeit,
  • die Entlastung von Schuldgefühlen.

Sowenig es starre Schemata gibt, nach denen eine Magersuchts-Therapie angelegt sein müßte, so deutlich zeigen sich doch im konkreten Therapieprozeß Schwierigkeiten und Grenzen für eine sinnvolle Behandlung, insbesondere unter ambulanten Bedingungen. Ich möchte einige davon nennen: Aus unserer Sicht kaum bewährt haben sich Therapien, die gleichzeitig von verschiedenen Behandlern durchgeführt werden.

Also etwa: Familientherapie mit der gesamten Familie, gleichzeitig Einzeltherapie mit der Magersüchtigen und parallel dazu Verhaltensprogramme etc. Diese Konstellationen, von den Betroffenen oft unbewußt gewählt, vertiefen die Spaltungsbedürfnisse, z.B. in „gute“ und „schlechte“ Therapeuten und führen zu vielerlei Konflikten, die eine Besinnung auf das Kernproblem verhindern können. Vielmehr bedarf es eines klaren Rahmens, gegenseitiger Verbindlichkeit und fester Strukturen, die nicht durch Machtkämpfe verteidigt werden müssen.

Sinnvoll kann es allerdings sein, die Beobachtung der körperlichen Entwicklung in die Hände eines Arztes zu legen, der nicht unmittelbar in den psychotherapeutischen Prozeß einbezogen ist, auch um letzteren von ständigen Erörterungen und Kämpfen (z.B. um das richtige Gewicht oder den Zeitpunkt einer Klinikaufnahme) freizuhalten.

Der betreuende Arzt wird regelmäßig folgendes kontrollieren bzw. behandeln:

  • Gewicht
  • Kreislaufsituation
  • Mineralstoff-Verschiebungen im Blut
  • zwischenzeitliche körperliche Erkrankungen (z.B. durch die unzureichende Nahrungszusammensetzung gefördert)

Eine längere Sonden-Therapie – um den schweren Gewichtsverlust aufzufangen – läßt sich ambulant in der Regel nicht durchführen. Üblich sind hingegen intravenöse Infusionsbehandlungen zum Ausgleich von Elektrolytverschiebungen und Flüssigkeitsverlusten.

Die Notwendigkeit einer stationären Aufnahme sollte dann gemeinsam besprochen werden. Sie orientiert sich nicht allein am Gewicht, sondern auch an

  • Allgemeinverfassung
  • der sozialen Situation
  • der Kooperationsfähigkeit der beteiligten Personen.

So durchschlagend eine stationäre Behandlung oft ist, zumal die Rigidität einer Institution Krankenhaus Festigkeit und Entschiedenheit signalisiert und damit Patienten und Familie zunächst entlasten, so nachdenklich sollten die eher bescheidenen Langzeitergebnisse stimmen.

Häufig kommt es tatsächlich zu einer vorübergehenden Anpassung des magersüchtigen Symptomträgers an das Klinikssystem und die dort häufig zu beobachtende Belohnungsstrategie: „Wenn Du (wieder) essen kannst, kannst Du (wieder) nach Hause !“. Wenn die Kinder dann – körperlich gestärkt – wieder in den unveränderten Familienschoß zurückkehren, ist ein Rückfall häufig vorprogrammiert.

Andererseits zwingen die somatischen Realitäten oft doch zu einer stationären Aufnahme. In unserer Praxis benutzen wir mehrere Kriterien, unter anderem den sogenannten BMI (Body-Mass-Index). Praktisch handhabbar und übersichtlich sind die folgenden orientierenden Gesichtspunkte:

  • Körpergewicht unter 40 kg
  • schwerwiegende Stoffwechselveränderungen und
  • eine rapide Abnahme der körperlichen Kräfte

Da es letztlich um Autonomie und Eigen-Verantwortung geht, werden die Beteiligten aber auf Dauer ohne starre Ernährungs-Regeln oder stationäre Bedingungen leben müssen. Dazu bedarf es eines Minimums an persönlicher Ich-Stärke und ausreichender Kooperationsbereitschaft. Leider sind mir etliche Fälle bekannt, in denen Magersüchtige über Jahre (und Jahrzehnte) verschiedenste ambulante und stationäre Therapien – letztlich ohne Erfolg – durchlaufen haben. Aber auch die erfolgreichen Therapien sind nicht im „Schnelldurchgang“ zu durchlaufen, sondern bedürfen eines beharrlichen und geduldigen Arbeitens aller Beteiligten und der erforderlichen Zeit.

Auch hier gilt es das Mittelmaß zu finden zwischen Autonomie (es geht auch ohne Therapie) und Abhängigkeit (ohne meinen Therapeuten kann ich nicht leben), Macht (des Therapeuten: Ich kann alle heilen !) und Ohnmacht (der „bringt“ es ja doch nicht !).

Wenn es aber gelingt, ein Verständnis für das Geworden-Sein zu entwickeln, das krankmachende System zu verändern und Körper-Seele-Geist zu versöhnen, dann haben wir die Mitte gefunden und die Lebenskrise „Magersucht“ überwunden.

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