Der Klang der Neuronen

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup

Die „Musik“, die der Bielefelder Neuroinformatiker Thomas Hermann auf seinen Computerlautsprechern präsentiert, scheint geradewegs aus der Hölle zu stammen. Qualvoll ist sie in der …….. denn es handelt sich um die Darstellung eines epileptischen Anfalls, dessen Dramatik durch eine Klangkollage – eine so genannte Sonifikation – vernehmbar wird. Dazu hat der Wissenschaftler mit einem Kollegen ein „Lautdesign“ entworfen, das die recht eng beieinander liegenden EEG-Frequenzen während des Anfalls massstabgerecht auf grössere, für menschliche Ohren differenzierbare Abstände überträgt – ähnlich den klassischen Notenlinien.
Werden die Schwingungen mit herkömmlichen Instrumentenklängen wiedergegeben, fühlt sich der Hörer in ein furioses, ungemein beklemmendes Orgelkonzert versetzt; hohe, schnelle Arpeggien, unterbrochen von tiefsten Basspedaltritten kennzeichnen die „Toccata“ aus dem Innersten des Gehirns: die Musik der gequälten Nervenzellen. Auf diese Weise könnten sich in Zukunft für Mediziner wichtige Hinweise auf Körperfunktionen gewinnen lassen – unterstützt von einer Art „Hightech-Hörrohr“ ins Gehirn.
Auch die Sonifikation macht sich zunutze, dass sich – nach Pythagoras – alle messbaren Verhältnisse in Zahlen und schliesslich in Musik verwandeln lassen. Statt einzelne Werte in Tabellen oder auf Graphen abzutragen, entsteht durch das Wechselspiel aller Datenwerte ein Klanggefüge, das alle Verhältnisse zwischen den Werten akustisch abbildet. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Sonifikation anderen Formen der Datenpräsentation vielfach überlegen ist, weil „Menschen mit ihrem Gehör unter Umständen wesentlich komplexere Datenmengen strukturieren können als etwa mit ihrem Sehsinn!“, sagt Thomas Hermann. „Und sie sind in der Lage, ihnen sofort eine Bedeutung zuzuweisen“. Eine Erfahrung, die mancher gemacht hat, wenn er plötzlich merkt, dass sein Auto nicht so klingt, wie üblich – allein am Geräusch kann ein geübter Mechaniker erkennen, wo ein Fehler liegt.
Das alltagsferne Spiel der Musik im Konzertsaal gründet sich also augenscheinlich auf wesentlichen, mitunter überlebenswichtigen Fertigkeiten unseres Gehirns. Und erst aus dieser übergreifenden Perspektive wird deutlicher, warum die Musik in jeder menschlichen Gemeinschaft existiert und in Ehren gehalten wird. Ohne die ungemeine rhythmische Begabung des Kleinhirns etwa, das winzigste Zeitverzögerungen registriert und korrigiert, wären uns koordinierte Bewegungen schier unmöglich. Und nicht zuletzt sind es mehr oder weniger harmonische elektromagnetische Schwingungen in unserem Nervensystem, aus denen sich das jeweilige Gesamtbild aller neuronalen Aktivitäten unseres Gehirns zusammensetzt – womöglich sogar das unserer Persönlichkeit.
Schon in der Antike wird die „Person“ durch Schwingungen definiert; „personare“ bezeichnet im Wortsinne, wie ein Individuum klanglich durchdrungen wird. Nun hat ein Forscherteam aus Sydney ermittelt, dass der Alpha-Typus der leicht in Töne verwandelbaren Hinwellen im Stirnlappen bei Extrovertierten signifikant schneller schwingt als der von Introvertierten. Die Geschwindigkeit von Gehirnwellen variiert demnach offenbar mit dem jeweiligen psychologischen Profil eines Menschen. Die Biologen und „Neurophilosophen“ Francis Crick und Christoph Koch spekulieren sogar, dass die messbare Grundschwingung von 40 Hertz im menschlichen Hirn das „neuronale Korrelat“ von Bewusstsein (im Sinne eines wachen, aufmerksamen Gehirns) sei.
Musik in diesem umfassenden, die gesamte Person betreffenden Sinne wäre tatsächlich unabdingbar für die menschliche Entwicklung. Damit käme der Verzicht auf musikalische Stimulation einer Unterdrückung der emotionalen und intellektuellen Reifung gleich – wie ein Glas, das zum Klingen angeregt werden muss. Zwar ist es denkbar, dass auch andere Mittel als Klänge den erwünschten Effekt erzeugen – Bewegung zum Beispiel vermag auch „harmonisch“ zu sein. Aber angesichts der Nähe des tönenden Mediums zum „Swing“ der Neuronen, ist die Musik die erste Wahl. Was vermutlich erklärt, warum gerade Heranwachsenden in ihrer Reifephase Musik zu hören mehr bedeutet, als jede andere Tätigkeit und warum Teenager bei der Suche nach einem Partner so viel Wert auf dessen Musikgeschmack legen.
Überdies müssen auch bei der Musiktherapie stets die persönlichen Wünsche der Patienten berücksichtigt werden. Denn eine Studie hat ergeben, dass der Effekt dieser Behandlung bei Erwachsenen fast verschwindet, wenn ihnen „fremde“ Musik verabreicht wird. Aus diesem Grunde gehört bei Ralph Spintge heute, wie schon seit 20 Jahren in Hell…., zur „Musik-Narkose“ auch die Musik-Anamnese: „Was hören Sie am liebsten?“, fragen die Ärzte vor der OP. Sie wollen wissen, welche Musik an besonders schöne Ereignisse erinnert und ob der Patient schon mal ein Instrument gespielt hat. Dann erst stellt das Klinikpersonal jedem Kranken ein Persönliches Musikprogramm zusammen. Das begleitet ihn vor, während und nach der Operation.
Aufgrund solch individueller Ansprüche müssen Musiklehrer vermutlich verstärkt den Spagat zwischen unterschiedlichsten Musikrichtungen, Erwartungshaltungen und Kenntnissen ihrer Schüler wagen. Aber darum geht es bei der Musik; wenn ein Mensch mit einem anderen zu harmonieren sucht. Ein allgemeiner Kann.. taugt heute weniger denn je. Musik und die Gefühle, die sie weckt sind unterschiedlich, vielfältig und mitunter widersprüchlich – wie die Menschen selbst.

Erschienen in: GEO 11/2003

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