Der Mensch – ein Homo Musicus

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup

Zur Veranlagung der Menschen gehört vermutlich auch die Fähigkeit, ihr musikalisches Erlebnis zu teilen und sich aufeinander einzustellen. Kein Musiker spielt gerne für sich alleine; und es ist einem Menschen nahezu unmöglich, unbeirrt voranzuschreiten, wenn zugleich ein anderer Rhythmus in der Nähe zu vernehmen ist.
Zugleich ist es diese Neigung, die das menschliche Musizieren offenbar über alles Klangliche in der Natur erhebt. Zweifellos gibt es viele Tiere, die mit Tönen kommunizieren. Und zuweilen existieren auch im Tierreich aussergewöhnlich individuelle „Musik-Präferenzen“. So erzählt etwa ein Dokumentarfilm von einem Weibchen in einer Gibbon-Pflegestation in Thailand, das sich geweigert hatte, sich mit einem anderen Partner als dem Männchen zu paaren, dessen Gesang es schon lange aus einem weit entfernten Gehege betört hatte.
Doch was für Menschen selbstverständlich ist – in Bruchteilen von Sekunden passen sie ihre Rhytmen und ihre Stimmlagen einander an, suchen nach passenden Bezügen, variieren Tempi und Melodien – , ist für Tiere nahezu unmöglich. Während das unter Menschen seltene absolute Gehör zum Beispiel unter Vögeln sehr verbreitet ist, verfügen diese Geschöpfe offenbar jedoch nur über ein schwach ausgeprägtes relatives Gehör. Deswegen können sie schon eine, um wenige Töne transponierte, Melodie nicht mehr als gleichartig erkennen, geschweige denn, sich ihr anpassen. Die Freiheit, sich auf andere einzustellen, das gemeinsame Vergüngen, sich anderen mittels des Klanges mitzuteilen – in dieser Form ist dies wohl einzig dem Menschen gegeben.
Die Fähigkeit, sich anzupassen, gilt wiederum in besonderem Masse für Kinder. Denn die scheinen ein besseres, offeneres Ohr für Töne zu haben als ihre Eltern. So sind, nach Untersuchungen der Psychologin Sandra Trehub von der Universität Toronto, Heranwachsende nur bis zum Alter von fünf bis sieben Jahren in der Lage, kleinste Tonhöhenunterschiede in beliebigen Konstellationen wahrzunehmen und sich jedes Tonmuster anzueignen. Erwachsene konzentrieren sich hingegen auf die besonderen, „wesentlichen“ Unterschiede innerhalb ihres jeweiligen Kulturkreises.

Erschienen in: GEO 11/2003

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