Die Heilkraft der Musik

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup

Schon das älteste erhaltene medizinische Traktat, das orientalischen Kahum-Papyrus, erzählt von heilenden Gesängen; und laut der Bibel wurde nach David geschickt, auf dass er die Anfälle von Schwermut des Königs Saul mit seiner Harfe lindere. Auf solche uralten Kräfte der Musik berufen sich immer mehr professionelle westliche Musiktherapeuten wie zum Beispiel Joannne Loewy vom Beth Isreal Medical Center in New York – mit zuweilen überraschenden Erfolgen. In einer dreijährigen Studie an Kindern im Alter zwischen einem Monat und vier Jahren erwies sich, dass musikalische Therapie den gleichen beruhigenden Effekt wie das übliche Medikament Chloralhydrat erzielte – nebenwirkungsfrei. Musik synchronisiert die Atmung, fördert den Saugrhytmus, lenkt ab von Schmerz und verbessert nachweislich die Immunreaktion. Zudem fördert sie das Vertrauen in die Ärzte und die Krankenhausatmosphäre. Besonders gut zur Behandlung von Kindern eignen sich angeblich Kinderlieder, klassische Musik und so genannte „Gebärmutter-Klänge“ wie etwa das buddhistische „om“.
Von wahren Wundern erzählt Michael Thaut, Direktor am Zentrum für biomedizinische Musikforschung der Colorado State University. Gelähmte hätten durch Musik das Gehen und Stumme das Sprechen wieder erlernt. Ein simpler Marsch aus dem Walkman könne als „Schrittmacher“ für Parkinson-Kranke und Apoplektiker dienen: Die Heilungsrate für Schlaganfall-Patienten steige durch die Musiktherapie, die von Thaut nach wissenschaftlichen Prinzipien konzipiert und verfolgt wird, von zehn auf 25 Prozent. Und vielfach erlaube die Erinnerung an bekannte Lieder die Wiederaufnahme des Sprechens.
Warum das so ist, weiss die Wissenschaft immer noch nicht genau – was der Musiktherapie und Musikpsychologie oft genug den Vorwurf der Scharlatanerie und der Esoterik eingebracht hat. Tatsächlich wird die psychologische Macht der Musik vielfach übertrieben dargestellt. Glaubt man zum Beispiel entsprechenden Berichten, scheint Musik selbt die Psyche von Tieren anzurühren. Kühe gelten schon lange als „Klassikfans“ – ihre Milchproduktion wird angeblich durch klassische Musik angeregt. Doch Reinhard Kopiez warnt vor Legenden: Keine wissenschaftliche Untersuchung habe bei genauerem Hinsehen diese These wirklich unterstrichen. „Die einzig signifikante Erhöhung der Milchproduktion hing damit zusammen, dass man die Kuh – mit oder ohne Musik – auf einem Wasserbett platzierte“.
Mitunter kann zu viel Musik sogar schaden: Vom so genannten „Ohrwurm“, einer sich stetig aufdrängenden Melodie im Gehirn, die manche vom Schlafen abhält, bis hin zum Verlust der Kontrolle über die Finger wie bei dem Pianisten Robert Schumann, gibt es eine lange Liste von „Nebenwirkungen“ der musikalischen Droge Musik.
Immerhin: Am Lüdenscheidner Sportkrankenhaus Hellersen kann der Schmerztherapeut und Musikmediziner Ralph Spintge auf positive Erfahrungen mit mehr als 120’000 Patienten verweisen, denen vor oder während der OP Musik vorgespielt wurde: 50 Prozent dieser Menschen benötigten vor einem Eingriff weniger Beruhigungsmittel. Und bei normalerweise schmerzhaften Eingriffen wie Injektionen in den Rücken, bei denen der Patient bei Bewusstsein bleiben muss, könne Musik sogar das Schmerzmittel ersetzen. Spintge vermutet, dass es vor allem der Rhythmus sei, der beruhgigend wirkt; es müsse allerdings ein „lebendiger“, wechselnder Rhythmus sein, denn ein sturer Metronomtakt bewirke genau das Gegenteil – schliesslich sei der Eigenrhythmus eines gesunden Organismus auch ständigen Schwankungen unterworfen.
Der amerikanische Musiktherapeut Mark Rider behauptet überdies, in einem gesunden Körper stünden die Frequenzen der vier Typen von Hirnwellen, sowie hormonelle Rhythmen normalerweise in einem einfachen harmonischen Verhältnis zueinander – in der „Oktavrelation“ 2:1 oder der „Quintbeziehung“ 3:2. Diese Harmonie müsse bei Patienten durch die Therapie wieder hergestellt werden, indem man etwa einen Trommelrhythmus vorgibt, der in dieser Art variiert wird. Falsche oder komplexere Harmonien stellten sich ein bei kranken Organismen.
Das Problem: Eine allzu „harmoniesüchtige“ Darbietung wirkt auf die meisten Menschen langweilig, und die grössten Musiker haben – wie zum Beispiel Johann Sebastian Bach in Teilen seiner h-Moll-Messe – die Dissonanz als Salz in der Suppe der Komposition erachtet (wenn auch meist in Bezug auf eine harmonische Auflösung).
Gleichwohl geht die Vorstellung einer allumfassenden Harmonie des Körpers, der Seele und des Kosmos zurück bis auf Pythagoras. Jener hatte Musik und musikalische Harmonik nicht in Klängen, sondern in abstrakten, mathematischen Zahlenverhältnissen definiert: Eine Oktavbeziehung entsteht etwa durch das Halbieren einer Saite oder durch eine entsprechende Kürzung eines Rohres – im Verhältnis 2:1. Solche und ähnliche Verhältnisse durchdringen die Natur in mannigfacher Weise. Auch wie Bäume wachsen – immerhin die Hauptlieferanten von Material für Musikinstrumente – kann in ausgesprochen „harmonischen“ mathematischen Verhältnissen beschrieben werden (siehe GEOskop Nr. 4/2001).
Harmonie in diesem Sinne steckt also sogar in der „Natur der Dinge“ – und womöglich selbst in unserem Innersten, dem Gehirn.

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