HEMIPLEGIE UND APHASIE

HEMIPLEGIE UND APHASIE
von L. LUTZ, klinische Linguistin

ZUSAMMENFASSUNG
Sprache und Bewegung haben gemeinsame neurophysiologische Hintergründe. Deswegen haben auch die Behandlung eines Aphasikers und die Therapie der sensomotorischen Störungen eines Hemiplegikers nach dem Bobath-Konzept gemeinsame Aspekte. In der Folge werden neurophysiologische Phänomene wie „gestörte Hemmung“, „gestörte Parallelität“ und „reduzierte Aktivierung der Nervenzellen“ und ihre Auswirkungen beim Aphasiker erklärt, mit Beispielen erläutert und Schlussfolgerungen für den richtigen Umgang mit den Patienten abgeleitet. Vergleichbar sind die physiotherapeutischen Grundprinzipien in Behandlung und Umgang mit Patienten nach dem Bobath-Konzept.

SCHLÜSSELWÖRTER Aphasie, neurophysiologische Aspekte der Aphasie, Bobath-Konzept, Regeln im Umgang mit Aphasikern.
Frau A. kann mit ihrer Aphasie ganz geschickt umgehen, aber manchmal erstaunt sie ihre Gesprächspartner. Eben sagte sie „Hut!“. Das passt aber gar nicht in die Situation. Während ich mich noch wundere, sagt ihr Mann: „Ach, sie meint Apfel‘. Das hat mit meiner Sekretärin zu tun. Die hat einen Apfelbaum und bringt uns immer so schöne Äpfel mit, und sie ist eine Hut-Fanatikerin: Sie hat immer riesengroße Hüte auf!“

Herr B., seit fast einem Jahr Globalaphasiker, kann zwar seine Gesprächspartner (mit Einschränkung) verstehen, aber dass er außer „din din din“ nichts äußern kann, scheint er nicht zu bemerken. Wir können an der Sprechmelodie erkennen, ob er sich freut, sich beklagt oder etwas wünscht; intelligent und freundlich bewegt er sich durch den Alltag des Pflegeheims – warum hört er alles andere, aber nicht, was er selbst sagt?

Familie C. hat drei Söhne, die inzwischen ihr eigenes Leben führen. Frau C. beklagt sich über ihren aphasischen Mann, der inzwischen wieder zuhause lebt: „Mal versteht er, mal nicht! Ich glaube, er hört nicht richtig zu. Er müsste doch wenigstens wissen, wie unsere Söhne heißen!“ Ich erfuhr, dass sie vor kurzem, als der jüngste Sohn klingelte, gesagt hatte: „Das ist Andreas!“. Das hatte der Vater verstanden. Aber einige Tage danach war sie vom Telefon zurückgekommen und hatte ihm erzählt: „Andreas kommt morgen“. Das hatte Herr C. nicht verstanden. „Warum nicht?“ wollte sie wissen.

Das rätselhafte Verhalten mancher Aphasiker wird verständlich, wenn wir uns den Grund und Boden an- sehen, auf dem die Aphasien entstehen: die innere Sprache, das heißt die neurophysiologischen Prozesse, die für die Spracherzeugung und -verarbeitung verantwortlich sind. Dabei werden wir auf einige Phänomene stoßen, die an Störungsmechanismen erinnern, wie sie im Bereich der Physiotherapie Berta und Karel Bobath beschrieben werden.

GESTÖRTE HEMMUNG
Karel Bobath beschrieb die Verbindung zwischen Hemmungsstörungen und Bewegungsstörungen: „Das ZNS antwortet mit assoziierten Reaktionen auf den Verlust der hemmenden Kontrolle. “ (K. Bobath 1984)

B. Paeth schildert ihre Erfahrungen mit dem BobathKonzept und stellt fest: Je höher der Tonus sein muss, zum Beispiel für die Stabilität im Stand oder Einbeinstand, umso höher muss die inhibitorische Kontrolle sein, um immer noch kleine und kleinste Bewegungen mit kleinster Amplitude, die Equilibriumreaktionen zu ermöglichen. (1999, S. 4)

Auch in den sprachspezifischen neuronalen Netzwerken spielen – wie bei der Bewegungsplanung und Bewegungserzeugung – Hemmprozesse eine wichtige Rolle (Schlote 1988). Allen Sprachhandlungen liegen zwei Tätigkeiten zu Grunde: Auswählen und Gruppieren. Wir wählen Laute aus und gruppieren sie zu Wörtern, wir wählen Wörter aus und gruppieren sie zu Sätzen. Dabei müssen wir ständig die mit dem gewünschten Lauten und Wörtern vernetzten anderen Laute und Wörter unterdrücken, das heißt hemmen.

Das zeigt sich zum Beispiel in den lexikalischen Netzwerken, sogenannten „Wortspeichern“, in denen Wörter nach verschiedenen Gesichtspunkten mit einander verbunden sind. Es gibt zum Beispiel Wortspeicher, die gegensätzliche Wörter enthalten wie „heiß“/“kalt“, „Sommer“/“Winter“. Ein anderes Speichersystem enthält Wörter, die häufig gemeinsam gebraucht werden wie „Blumen gießen“, „Haare kämmen“ etc. Unter den vielen lexikalischen Speichersystemen gibt es auch einen individuellen Wortspeicher mit Wörtern, die bei dem jeweiligen Menschen aufgrund seiner individuellen Lebenssituation vernetzt sind. Wörter aus diesem Wortspeicher können bei Aphasie (vermutlich beeinflusst durch Emotionen) leichter abgerufen werden als Wörter aus anderen Speichern.

Soll ein Wort aus einem Speichersystem abgerufen werden, müssen alle mit dem Zielwert vernetzten Wörter gehemmt werden. Diese Hemmung funktioniert nicht mehr ordnungsgemäß, wenn aufgrund einer Hirnläsion die chemischen Prozesse an den Synapsen gestört sind. Dadurch wird ein mit dem Zielwort verbundenes Wort, eine Assoziation, abgerufen, während das Zielwort unterdrückt wird. Genau das passierte, als Frau A. „Hut“ anstelle von „Apfel“ sagte.

Auch bei Abrufen aus anderen Speichern kommen solche Wortersetzungen vor: „Bus“ für Taxi“, Telefon“ für „Fernseher“ etc. Manchmal werden Zielwort und Assoziation oder Zielwort und Folgewörter miteinander verschränkt: „sie minselt“ = „sie malt“ und „mit einem Pinsel“. Manchmal werden zwei Sätze geplant, von denen einer unterdrückt werden müsste; aufgrund der gestörten Hemmung werden aber beide in einander verschränkt produziert: „den finden Sie doch auch so gern“ = den haben sie doch auch so gern“ und „den finden sie doch auch so gut).

Gestörte Hemmung ist auch für Zeitberechnungsfehler verantwortlich: Ein Laut, eine Silbe oder ein Wort wird nicht lange genug gehemmt: „Haubschrauber“ (für „Hubschrauber“); „Mokribe“ (für „Mikrobe“); „sie äpfelt“ (für „sie isst einen Apfel“). Beispiele der letzten Art kommen sehr häufig vor, weil Aphasiker die stark vernetzten Substantive leichter abrufen können als die schwierigen Verben: „sie best mit dem Feger“ (für „sie fegt mit dem Besen“).

Karel Bobath wies darauf hin, dass Enthemmungssymptome wie zum Beispiel die Spastizität keine konstanten Phänomene sind und bei Anstrengung, Aufregung und Angst zunehmen (siehe zum Beispiel Karel Bobath 1975). Dasselbe gilt für alle aphasischen Reaktionen, die durch gestörte Hemmung hervorgerufen werden: Die sprachlichen Fehlleistungen variieren stark und nehmen bei psychischen und physischen Belastungen zu. Ein zweites Phänomen, das sowohl bei der Planung und Ausführung von Bewegungen als auch bei der Erzeugung und Verarbeitung von Sprache eine wichtige Rolle spielt, ist die Parallelität.

GESTÖRTE PARALLELITÄT
Normale Bewegungsmuster entstehen durch das Zusammenwirken von verschiedenen Muskelgruppen, die durch das gleichzeitige, das heißt parallele Funktionieren von unterschiedlichen, in ihrer Zusammenarbeit immer neu kombinierten neurophysiologischen Prozessen gesteuert werden. Bei Hemiplegie ist dieses parallel gesteuerte Zusammenwirken nicht mehr möglich:

“ Funktionelle Tätigkeiten bedürfen selektiver und mannigfaltiger Kombination von Teilen der Total-Synergien. Dies ist dem Herniplegiker nicht mehr möglich. Er kann seine Muskeln auf der betroffenen Seite nur in ein oder zwei Massen-Synergien aktivieren. “ (Karel Bobath 1975, S.357)

B. Paeth Rohlfs hat für die „reziproke Innervation“, das heißt die parallele Steuerung von Bewegungsmustern, eine Reihe von Beispielen gegeben:

– Ein Auge wird zugekniffen, das andere bleibt offen > Die eine Hand hält eine Flasche fest, die andere schraubt den Verschluss auf
> Das eine Bein stabilisiert in der Standbeinphase, das andere bewegt sich in der Spielbeinphase des Gehens (B. Paeth Rohlfs 1999, S. 6)

Auch bei allem, was wir sprachlich tun, müssen wir mehrere neuronale Netzwerke gleichzeitig, das heißt parallel, steuern:
> beim Vortrag:
Die Zuhörer können den Vortragenden sehen und hören, sie können gleichzeitig projizierte Texte lesen und selbst etwas schreiben

> beim Sprechen:
Satzplanung und Artikulation der Sätze laufen teilweise parallel: Während wir den einen Satz sprechen, beginnen wir schon mit der Planung des nächsten, eventuell des übernächsten (bei Versprechern ist das deutlich zu erkennen)

> beim lauten Lesen:
Wir bedienen gleichzeitig die Systeme der Schriftsprache (einschließlich der visuellen Systeme) und die Systeme der mündlichen Sprachproduktion

> beim Diktat:
Wir kombinieren die Verstehensprozesse (die auditiven Systeme) mit den Systemen der schriftlichen Sprachproduktion und den Bewegungssystemen für die Hand

> bei der Satzproduktion:
Die grammatische Arbeit bei der Satzkonstruktion verlangt viele gleichzeitige Entscheidungen: zum Beispiel müssen das Subjekt und das Verb die gleiche Singular- oder Pluralform enthalten, das Verb muss gleichzeitig in die richtige Zeitform gebracht werden etc.

Den Aphasikern fallen parallele Steuerungen sehr schwer, und eine große Zahl typischer aphasischer Reaktionen ist vermutlich auf diese neuro-physiologische Problematik zurückzuführen, darunter auch solche, die dem Gesprächspartner eines Aphasikers, der über diese Störung nicht Bescheid weiß, unerklärlich vorkommen:

> Schwer betroffene Aphasiker können oft nicht verstehen, was sie selbst sagen, obwohl sie verstehen, was andere sagen. Sie können nicht gleichzeitig ihr auditives System und die Prozesse für die mündliche Sprachproduktion bedienen. Wie bei einer Wechselsprechanlage können sie entweder nur „senden“ = sprechen, oder nur „empfangen“ = zuhören. Deshalb können sie sich nicht selbst sprechen hören. Genau dies war Herrn B.s Problem.

> Wenn ein Aphasiker an einer Gesprächsgruppe teilnimmt, kann er nicht gleichzeitig zuhören und seinen eigenen Gesprächsbeitrag planen. Er kann deshalb in einer Gesprächspause, oder wenn er gefragt wird, nicht sofort etwas äußern.

> Während ein Aphasiker mit irgendetwas beschäftigt ist (Schuh zubinden, Zähne putzen etc.), versteht er schlechter als in anderen Momenten, in denen er nicht durch eine andere Tätigkeit vom Verstehen abgelenkt ist.

> Beim Erzählen können viele Aphasiker die Rahmenhandlung und alle Details der Handlung nicht gleichzeitig steuern, so dass sie häufig das wichtigste Detail zuerst erzählen und den Ort, die Zeit und die wichtigsten Personen der Handlung weglassen.

REDUZIERTE AKTIVIERUNG DER NERVENZELLEN
Ebenso wie für die Auslösung von Bewegungen ist auch für die Spracherzeugung und -verarbeitung ein bestimmtes Aktivierungsniveau innerhalb der neuronalen Strukturen nötig. Der russische Mediziner und Neuropsychologe Luria (1981) nennt drei wesentliche Quellen für die normale Aktivierung der Nervenzellen: Metabolische Prozesse des Organismus, Stimuli von außen und psychische Anstöße, zu denen er auch die Sprache rechnet.

Es sieht tatsächlich so aus, als ob – zumindest bei Aphasie – rein sprachliche Phänomene wie Betonung oder Zugehörigkeit zu einer sprachlichen Kategorie, die Zellaktivierung beeinflussen, denn Aphasiker können unbetonte sprachliche Elemente – unbetonte Laute, Silben und Wörter – mündlich und schriftlich schlechter produzieren, schlechter verstehen und schlechter lesen. Das zeigt sich beimSprechen:

Auslassung von > unbetonten Silben: „net“ (für „Planet“) > unbetonten Funktionswörtern: „geht Hause“ (für „geht nach Hause“) > unbetonten Substantiven, meist am Anfang einer Äußerung als „Thema“, über das eine Aussage gemacht wird: „kommt mit“ (für „Peter kommt mit“)

beirn Verstehen:
Nichtverstehen von

> unbetonten Silben:
ein Aphasiker verstand: „ich kaufe ein Auto“ (für „ich verkaufe mein Auto“)

> unbetonten Funktionswörtern:
ein Aphasiker verstand „treffen und essen“ (für „bevor wir uns treffen, möchte ich etwas essen“)

> unbetonten Substantiven:
Herr C. verstand den Namen seines Sohnes, als Andreas“ in der betonten Position am Ende des Satzes erschien: „Das ist Andreas“. In der unbetonten „Thema“-Position am Satzanfang konnte er den Namen nicht verstehen.

Obwohl in den aphasischen Störungsmustern auch viele Phänomene auftauchen, die über die Probleme der Bewegungsstörungen hinausgehen, entsprechen die Behandlungskonzepte nach Bobath in vieler Hinsicht den Prinzipien der Aphasietherapie.

DIE THERAPIE NACH DEM BOBATH-KONZEPT UND APHASIETHERAPIE:
Diagnostik: „Befundaufnahme und Behandlung dürfen nicht von einander getrennt werden. Ihre ständige Kombination ist eine notwendige Grundlage für die laufende gezielte Behandlung. „ (K. Bobath 1984)

Florence Kraus-Irsigler zitierte B. Bobath auf dem Internationalen Bobath-Kongress 2001 in Madrid: „Therapie ist fortwährende Befundaufnahme“. In diesem Zusammenhang führte sie den Begriff „Theragnostik“ ein.

Dieser Begriff wäre auch in der Aphasietherapie angebracht: Auch bei Aphasie genügt eine einmalige Befundaufnahme nicht. Die aphasischen Störungsmuster sind von einer ganzen Reihe sich dauernd ändernder Faktoren abhängig und variieren stark, so dass wir während der Therapie ständig die Reaktionen der Aphastiker registrieren und die Befunde laufend ergänzen müssen. Pattern:
„Nicht die Muskeln sind gelähmt, sondern das Bewegungspattern ist gestört. „ (K. Bobath 1984)

Bei Aphasie ist weder die Sprech- noch die Schreibmuskulatur, weder die auditive noch die visuelle Wahrnehmung gestört, sondern die in der Kindheit beim Spracherwerb entwickelten sprachlichen Koordinationsmuster sind betroffen. Daher geht es in der Sprachtherapie nicht darum, wie im Fremdsprachenunterricht einzelne Laute, ein bestimmtes Vokabular oder fertige Sätze einzuüben. Ziel der Behandlung ist vielmehr, die spracherzeugenden und -verarbeitenden Prozesse zu aktivieren, zu deblockieren, zu reorganisieren und auf diese Weise das Zusammenwirken aller an Äußerungen beteiligter Prozesse zu normalisieren.

Parallelität
“ Wir sollten nicht zu viel auf einmal üben, sondern systematisch und schrittweise vorgehen. „ (K. Bobath 1984)

„Aktivitäten müssen in kleinere Abschnitte zerlegt werden … Das gibt dem Patienten in der Regel eher die Möglichkeit, aktiv zu werden oder zu bleiben, die Teile tappen als Eigenleistung im Sinne einer Lernarbeit zu erobern. „(F. Kraus-Irsigler 2001)

Wie bei der Behandlung von Bewegungsstörungen beziehungsweise dem Erwerb komplexer Fähigkeiten (Klavierspielen, Eiskunstlauf etc.) müssen wir auch in der Aphasietherapie systematisch und in kleinen Schritten vorgehen, vom Einfachen zum Komplexeren. Aphasiker können ihre Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig auf mehrere sprachliche Probleme richten; auf jeder sprachlichen Ebene muss eine Schwierigkeitshierarchie berücksichtig werden.

Fazilitation /Automatisierung:
“ Fazilitieren bedeutet“ leichtmachen‘ ,’aber in der Behandlung bedeutet es auch, „ermöglichen. und weiter, eine Bewegung zur Notwendigkeit werden zu lassen. (K. und 8. Bobath 1964, S. 40)

„Die Therapie soll nicht willkürliche Bewegungen üben, sondern automatisch Reaktionen erzeugen.“ (K. Bobath 1984)

Auf die Aphasiker wirkt das willkürliche Benennen von Einzelprojekten blockierend: Wenn man einem Aphasiker einen Gegenstand zeigt und fragt: „Wie heißt das?“, gerät er unter Druck und kann in den meisten Fällen das passende Wort nicht produzieren, selbst wenn er es bei anderen Gelegenheiten schon gesagt hat.

Daher ist auch in der Aphasietherapie Fazilitation nötig. Wenn wir die Aphasiker durch adäquate Stimulierung in Kommunikationsprozesse hineinlocken, in denen der eine Gesprächspartner im anderen die Sprache anregt, können sie häufig reflexartig, unbewusst reagieren und relativ locker antworten.

Diese Fähigkeit, in Einzelwörtern oder kurzen Satzmustern zu antworten, muss allmählich automatisiert werden. Automatisierung (durch Fazilitation) auf Wort-, Satz- und Textebene ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Aphasietherapie.

Aktivität:
„Die Patienten müssen die Bewegungsmuster aktiv üben. Bewegung wird nicht gelehrt oder verbal korrigiert, sondern das Gefühl für Bewegung wird vermittelt. „ (K. Bobath 1984)

Wie in der Bobath-Therapie wird auch in der Aphasietherapie bei der Fazilitation ein Schlüsselreiz gegeben, aber die sprachliche Reaktion des Aphasikers sollte selbständig erfolgen.

In der normalen Kommunikation löst ein Gedanke, eine Frage, eine Äußerung des einen Gesprächspartners im anderen eine ganze Kette von Lautmustern aus. Dabei entscheiden wir, welcher Laut mit welchen anderen Lauten, welches Wort mit weichen anderen Wörtern verbunden werden soll und welche grammatischen Formen nötig sind, um die beabsichtigten Informationen zu übermitteln. Alle diese Entscheidungen erfolgen unbewusst und automatisiert.

Diese Entscheidungsfähigkeit können Aphasiker nur wiedergewinnen, wenn sie sie aktiv üben. Nur wenn sie sich in der Therapie daran gewöhnen, auf allen sprachlichen Ebenen selbständig Entscheidungen zu treffen, werden ihnen auch außerhalb der Therapie diese Entscheidungen gelingen. Dabei ist es wichtig, dass ihre Umgebung – Therapeuten und Angehörige – sie ermutigen, unbesorgt, ohne Angst vor Fehlern, zu reagieren. Kritik und häufiges Verbessern von Fehlern blockieren die Aktivität und damit die Fortschritte.

Entspannung:
“ Wenn ein Patient zuviel denkt, erhöht sich die Spastizität. Nur im entspannten Zustand ist sinnvolles Reagieren einübbar. “ (K. Bobath 1984)

Eine an Schulunterricht erinnernde Atmosphäre mit Übungen, die die Interessen der Aphasiker nicht berücksichtigen, sie langweilen oder unter Druck setzen, blockiert die Sprache. In einem Zustand der entspannten Konzentration sind sprachliche Reaktionen leichter abrufbar, nämlich dann, wenn die Aphasiker sich mit Themen beschäftigen, die sie interessieren, so dass ihre Aufmerksamkeit von der Sprache weg auf die Inhalte gelenkt wird.

Fortschritte:
„Unsere Erfahrung beruht auf der Behandlung von etablierten Fällen mit Hemipiegie. Monate oder selbst Jahre nach dem akuten Ereignis. Es war uns selbst in diesen Spätfällen möglich, den Gang und das Gleichgewicht in allen Fällen weitgehend … zu verbessern. „ (K. und B. Bobath 1977, S. 35)

In über zwanzig Jahren Arbeit mit Aphasikern habe ich immer wieder Patienten erlebt, die noch Jahre nach Beginn der Aphasie in der Therapie deutlich sichtbare Fortschritte machten. Häufig sind die Fortschritte im ersten Jahr nach Beginn der Störung besonders groß, aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Sprachprozesse nach acht Monaten oder zwei Jahren (wie manchmal behauptet wird) ihre Regenerierungsfähigkeit verlieren. Solange ein Aphasiker die notwendige psychische Kraft aufbringt, sich mit Sprache zu beschäftigen, sind Fortschritte – im Rahmen seiner Möglichkeiten – zu erwarten. Ob er diese Motivation hat und wie lange er sie behält, hängt unter anderem auch von seiner Umgebung ab.

Es gibt vermutlich noch mehr Gemeinsamkeiten innerhalb der beiden großen Therapiebereiche, auch solche, die den Umgang mit diesen Patienten betreffen. Aber ich möchte zum Schluss nur noch ein paar spezielle Hinweise für den Umgang mit Aphasiepatienten geben, die sich auf die anfangs beschriebenen neurophysiologischen Störungen beziehen:

Umgang:
Die gestörte Hemmung erfordert unter anderem, dass wir Neologismen und Assoziationen in den aphasischen Äußerungen akzeptieren und versuchen, sie als Wegweiser zu den beabsichtigten Informationen zu benutzen.

Die Parallelitätsstörung bedeutet unter anderem, dass wir Aphasikern in einer Gesprächspause oder bei einer Frage Zeit lassen, ihre Äußerungen zu programmieren. Außerdem sollten wir berücksichtigen, dass Aphasiker schlechter verstehen, wenn sie gerade mit etwas anderem beschäftigt sind.

Die Aktivierungsstörung erfordert unter anderem, dass wir alle wesentlichen Informationen am betonten Satzende äußern, eventuell unsere Informationen auf zwei oder mehr Sätze verteilen: „Der Arzt kommt heute später. Es wird später mit dem Arzt.“

Alle Versuche, die Aphasiker zu verbessern, sie nachsprechen zu lassen, ihr Vokabular zu erweitern, sind zum Scheitern verurteilt, weil wir damit Störungen der Hemmung, der Paralletität und der Aktivierung, das heißt die neurophysiologischen Ursachen, nicht beheben können. Wirksame Fortschritte kann nur eine fundierte Sprachtherapie erreichen.

Im Gespräch mit Aphasikern sind Geduld und Verständnis die besten Hilfen.

AUTORIN: Dr. Luise Lutz, Klinische Linguistin
Praxis für Aphasietherapie Isarberg 13
D-22559 Hamburg

LITERATUR
Bobath, K. (1975): Die Behandlung der Hemiplegie des Erwachsenen. In: Krankengymnastik, 27. Jahrgang, S. 356-360

Bobath, K. (1984): Zitiert nach Notizen während seines Vortrags im Albertinen-Haus, Hamburg.

Bobath, K. und B. (1964): Zitiert von Helga Tremi-Sieder, Das Bobath-Konzept – eine Herausforderung. In: Zum Gedenken an Dr. h. c. Berta Bobath und Dr. med. Karel Bobath, Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands (Hg), 1991, S. 40.

Bobath, K. und B. (1977): Die Behandlung der Hemiplegie des Erwachsenen, Medizinische Abteilung, Bad Ragaz, wieder abgedruckt in: Zum Gedenken S. 52-59, 1991.

Kraus-Irsigler, F. (2001): Vortrag beim internationalen Bobath-Kongress in Madrid, März 2001.

Luria, A. R. (1981): The Working Brain. Penguin Books. Harmondsworth.

Lutz, L. (1996): Das Schweigen verstehen.Über Aphasie. Springer Verlag, Berlin Heidelberg.

Paeth Rohlfs, B. (1999): Erfahrungen mit dem Bobath-Konzept. Thieme-Verlag, Stuttgart.

Schlote, W. (1988): Sprache und Sprachstörungen Neuroanatomie und Neurophysiologie,

In: W. Radigh (Hg) Sprache und Sprachstörungen. Verlag modernes Lernen, Dortmund.

Dieser Beitrag wurde mir mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Veröffentlichung überlassen.

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