Individuelles Erleben und Massengeschmack

Heavy metal – Jazz – Klassik

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup

Welche Musik den segensreichen Effekt besitzt, scheint dabei von Mensch zu Mensch verschieden zu sein. Hinter solchen individuellen Vorlieben verbergen sich mehr als Unterschiede im Musikgeschmack, wenn die einen ergriffen dem Eingangs-Chor aus Bachs Matthäus-Passion lauschen, die anderen sich an Whitney Houston’s orgiastischem „Aha-will-oho-always-lo-haha-ve-you-huhuu“ berauschen und wieder andere mit ihrer persönlichen Präferenz den Fortbestand des „Musikantenstadls“ garantieren.
„Was musikalisch anspricht, ist letztlich eine Frage der individuellen Biografie“ meint Reinhard Kopiez, Vorsitzender der Gesellschaft für Musikpsychologie und Professor für Musikpsychologie in Hannover. Neben der persönlichen Neigung zählen die Zeitdauer, das Lebensalter und die sozialen Umstände, unter denen eine Person der Musik ausgesetzt ist. In der Pubertät sind Jungen meist eingeschworen auf „harte“ Musik, rhytmisch einfach Strukturiertes wie Heavy Metal. Mädchen hingegen mögen oft schmusige Songs, die weniger rhytmusbetont sind und weniger aggressiv. Intellektuell Anspruchsvolle, so besagt eine Studie, bevorzugen meist auch anspruchsvolle Musik – zum Beispiel harmonisch komplizierten Jazz.
Doch in feste Kategorien pressen, so Kopiez, lasse sich die Reaktion auf bestimmte Musikstücke auch dabei nicht. Und sie sei historisch variabel: „ Klangverbindungen wie bestimmte Sept-Akkorde, die zu Bachs Zeiten noch Skandale entfesselten, sind heute längst Gewohnheit.“
Gleichwohl hat Kopiez, der auch Sportfan ist, massenwirksame Regelmässigkeiten ausfindig gemacht – in der vergleichsweise einfachen Struktur europäischer Fussball-Fan-Gesänge. Viele dieser populären Lieder (etwa „olé, olé, olé, olé) enthalten die sogenannte „Kinderliedterz“, ein Intervall, das zum Beispiel auch aus den Anfangstakten von „Hänschen klein ging allein“ bekannt ist. Die meisten solcher Melodien bewegen sich innerhalb des Sext-Bereichs – „zieht den Bayern die Lederhosen aus!“ – und sind mit 150-180 bpm (beats per munute) eine um den Quintfaktor 3:2 beschleunigte, etwas hektischere Variante einer rhytmischen Grundkonstanten von 100-120 bpm. Das ist der, beispielsweise in Volksmusik-Sendungen, stets zum Klatschen anregende „Rhythmus, bei dem jeder mit muss“. Offenbar wird gerade in diesem Bereich die menschliche Motorik besonders von der Musik angefeuert, meint Kopiez.
Zudem scheint den meisten Menschen eine allzu starke Abweichung von einfachen, „kindlichen“ Harmonien regelrecht körperliche Pein zu bereiten. Klangexperimente wie in der zeitgenössischen „ernsten Musik“ werden immer noch nur von wenigen Enthusiasten goutiert. Und selbst wenn Kopiez einwendet, die Abneigung der Mehrheit von Konzertbesuchern gegen „moderne“ Klangwelten gründe vermutlich auf unzureichende Erfahrung: es bleibt eine Tatsache, dass sogar dieser Muse geneigte Menschen – wie vor allem Mitglieder „neutönender“ Orchester – deutlich öfter an vegetativen Störungen wie Herzrasen und Magenleiden laborieren, als Musiker „traditioneller“ Ensembles.
Im Experiment beruhigten sich schon Babys bei konsonanten Harmonien, während Dissonanzen sie strampeln liessen. Säuglinge beginnen sehr früh „mitzusingen“ – oft im harmonischen Quintabstand zur Mutterstimme. Zudem können sie im Alter von einem halben Jahr bereits Dur- und Moll-Dreiklänge unterscheiden. Und bei allen Unterschieden in den Musikformen der Welt sind gerade Kinderlieder meist ähnlich gestaltet.

Erschienen in GEO 11/2003

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