Kulturell erlernte Tonwelten

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup

Solche kulturbedingten Diskrepanzen sind grösser, als die meisten Menschen glauben. „Die verbreitete Ansicht, Musik sei eine universale Sprache, ist irrig – ebenso wie ein naiver Biologismus“, behauptet der Hannoveraner Musikethnologe Raimund Vogels. Zwar greifen menschliche Kulturen in der Mehrzahl auf schon von Babys bevorzugte Intervalle zurück, präferieren den erwähnten Rhythmus von 120 bpm und stimmähnliche Klänge, kennen auf- und absteigende Tonlinien – doch „es gibt keine natürliche, biologisch vorgefasste Präferenz, von der eine individuelle Kultur nicht abweichen könnte“, betont Vogel’s Kollege Kopiez.
Die westafrikanischen Lobi etwa – so schildert es der Muikwissenschaftler Habib Hassan Touma – setzen bewusst zwischen fünf Haupttöne zusätzliche so genannte „tote“ Noten, die nicht in unser harmonisches System passen. Im arabischen Kulturraum wird die Oktave nicht in zwölf gleichmässige, sondern in 17 bis 24 ungleichmässige Intervalle aufgeteilt, mit sogenannten grossen und kleinen Ganztönen, sowie grossen, mittleren und kleinen Halbtönen. Und die indonesische Gamelan-Musik kennt kein „reines“ Oktavintervall – weil zweidimensionale Gongs und Metallbecken anders schwingen als Saiten.
Wie gross der Einfluss des Lernens in einer Kultur ist, zeigt sich selbst an den weltweit relativ einheilich strukturierten Kinderliedern. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass nur rund 60 Prozent der Einwanderer aus fremden Kulturen ein englisches Kinderlied als kindgerecht erkannten; Menschen aus dem eigenen Kulturkreis jedoch, ordneten eine derartige Melodie mit bis zu 80-prozentiger Sicherheit korrekt zu, auch wenn ihnen das Lied unbekannt war.
Für fortgeschrittene musikalische Differenzierungen, die langes Lernen erfordern, sind „Kulturfremde“ nahezu taub und verständnislos – „monoton“ erscheinen uns selbst ausgefeilte musikalische Phrasen einer anderen Region, Zeitepoche oder Subkultur. Anders gesagt: Sogar die Musik von Johann Sebastian Bach mag nur demjenigen hochwertig scheinen, der sich lange mit ihr beschäftigt hat.
Überdies scheint vor allem die Musik aus Subkulturen, die man nicht oder wenig kennt, Aggressionen zu schüren; das gilt hauptsächlich für nicht-harmonische oder laute Klänge, die sich vom Kinderlied absetzen. Passend hierzu hat eine amerikanische Studie erbracht, dass Rock und Rap (gepaart mit aggressiven Texten) bei Frauen mehr Wut erzeugt als bei Männern, obwohl diese Musik meist von Männern gehört wird. Die Nazis wiederum haben sich besonders gefälliger Klänge bedient – und haben so langfristig die Abneigung gegenüber dem Fremden, Dissonanten, Atonalen gefördert. Es liegt also weniger am Klang selbst, wie er wirkt, sondern an unserer Erfahrung mit solchen Klängen.
Und um es noch komplizierter zu machen: Schon was Musik eigentlich ist, lässt sich nicht überall eindeutig bestimmen. Selbständige Klanglichkeit sei nicht hinreichend zur Bestimmung des Musikalischen, meint Raimund Vogels.
Zum Beispiel falle das Rufen des Muezzins, das für westliche Ohren wie Gesang klingt, in muslimischen Ländern nicht unter diese Definition – und somit nicht unter das „Musikverbot“ des strengen Islam, das sich gegen Profanes richtet. Unbestritten zum Wesen der Musik, sagt Vogels, gehöre jedoch ihre gesellschaftliche Funktion.
Denn so verschieden die Kulturen auch sind: Auf die Vermittlung ihrer Werte durch musikalische oder musikartige Mittel zu verzichten, kann sich offenbar keine Gesellschaft leisten. Vor allem in religiösen, sozialen und medizinischen Belangen spielt Musik eine herausragende Rolle in allen Kulturen der Welt.

Download PDF
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.