Mit Musik Selbstheilungskräfte ansprechen

von Madeleine Kuhn- Baer

Blick hinter die Kulissen des Kantonsspitals Glarus

die Musiktherapie Musik als Medium in einem therapeutischen Prozess: Dies wird seit einem Jahr auch am Kantonsspital Glarus eingesetzt. Catherine Fritsche, Musiktherapeutin des Schweizerischen Fachverbandes Musiktherapie, arbeitet mit stationären und ambulanten Patienten, um einschränkende Muster und Blockierungen wieder ins Fliessen zu bringen.

„Ursache allen Leidens ist das Anhaften.“ Dieser Satz des Dalai Lama begleitet Catherine Fritsche bei ihrer Arbeit als Musiktherapeutin. Ursprünglich Heilpädagogin, schloss sie die berufsbegleitende Ausbildung Musiktherapie (bam) 1995 in Zürich ab. Vor einem Jahr hat sie am Kantonsspital Glarus begonnen, das Angebot der Musiktherapie aufzubauen.

Wurzeln in der Antike
Musiktherapie ist ein uraltes Heilverfahren, welches in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Europa wiederbelebt worden ist. „Es ist eine erlebnisorientierte und tiefenpsychologisch fundierte Behandlungsmethode, die den kreativen Therapieformen zugeordnet wird“, sagt Catherine Fritsche. Das musiktherapeutische Handwerk sei die Kunst, im schöpferischen Prozess Wandlung und somit auch Wachstum zu unterstützen – mit der Musik als Medium. „Dabei ist das gesamte klanglich-rhythmische Geschehen gemeint: der pfeifende Föhnsturm, die Dynamik der treibenden Wolken, das Geschrei der Kinder auf dem Pausenplatz, der Tonfall der Stimme und alle den Instrumenten entlockten Klänge“, so die Musiktherapeutin.
Das vom Dalai Lama erwähnte Anhaften zeigt sich in eingefrorenen Haltungen oder immer wiederkehrenden Denk- und Verhaltensmustern. Aufgabe der musiktherapeutischen Begleitung ist es, einschränkende Muster und Blockierungen wieder ins Fliessen zu bringen und die Selbstheilungskräfte anzusprechen.

Musik ist immer in uns
„In jedem Menschen ist Musik, fortwährend“, erläutert Catherine Fritsche: In Atem und Puls, in Bewegung und Sprache leben Rhythmen. Auch die Organtätigkeit ist rhythmisch. Die Stimme klingt und formt sich zur Melodie. Die erste Musik, die wir erleben, ist Körpermusik: der Puls der Mutter, ihr Atem und ihre Stimme, die Darmgeräusche, der Rhythmus ihres Gangs und wie aus der Ferne die Geräusche und Klänge der Welt. Es ist laut der Therapeutin deshalb nicht verwunderlich, dass Musik erleben und sich musikalisch zu äussern ein menschliches Bedürfnis ist, ursprünglich meist mit Freude und Lust verbunden. Bald entstehen jedoch auch Unlustgefühle, die ebenso nach einem Ausdruck suchen. Fazit: „Musik wiederspiegelt den Lebensfluss, und wenn sie ihm dient, ist sie heilsam.“

Fast alle Sinne werden angesprochen
Im Zimmer der Musiktherapeutin stehen Instrumente verschiedener Gattungen und Herkunft zum Ausprobieren, Erkunden und Erleben bereit – beispielsweise eine Klangwiege, welche sich eher für die rezeptive, also empfangende Musiktherapie eignet. Catherine Fritsche ist das Zusammenwirken von aktiv und rezeptiv wichtig: „Es geht mir beispielsweise beim Musikhören nicht in erster Linie um ein passives Zuhören oder Ausspannen, sondern um ein innerlich bewegendes Lauschen. Musik vermag durch ihre assoziative Wirkung Hirnregionen miteinander zu verbinden oder einseitige Hirnaktivität auszugleichen.“ Im Spiel mit einem Klangkörper erfährt der Mensch etwas über dessen und das eigene Wesen. Dabei sind nahezu alle Sinne angesprochen: Horchen und Tasten, Bewegungssinn und Fühlen. Jedes Instrument hat seine eigene Gestalt und Sprache. „Indem wir seinen Klängen lauschen und auf improvisatorischem Weg seine Möglichkeiten erkunden, erfahren wir in Zwiesprache etwas über unser eigenes Wesen. So können verschüttete Ressourcen wieder erlebbar werden oder Unantastbares in Fühlung kommen. Auf diese Weise können wir ins Stocken-Geratenem oder Unaussprechlichem therapeutisch-meditativ begegnen und Prozessen ermöglichen, sich zu entfalten“, erklärt die Therapeutin.
Es geht bei der Musiktherapie also um die Wahrnehmung und um die emotionalen Reaktionen der Menschen auf Musik. Wenn immer möglich, sollen die Patienten anschliessend das Erlebte in Worte fassen, damit es über das Gespräch verstanden und bearbeitet werden kann. „Musik kann eine Brücke sein, wo sonst Kommunikation versagt“, so Catherine Fritsche.
Das wichtigste Instrument ist die eigene Stimme. Die Therapeutin ist überzeugt, dass jeder Mensch mit seiner eigenen Stimme das persönliche Heilmittel in sich trägt: „Die Stimme massiert den Körper, insbesondere die Organe und Kraftzonen, sie vermag Verspannungen zu lockern, Verschleimungen zu lösen, sie ist Quelle der Freude und hilft, Emotionen auszuleiten.“

Verborgene Kraftquellen werden wach
Gertrud Katja Loos, Pionierin der Musiktherapie , hat einmal formuliert: „Der Mensch ist ein Dreiklang von Seele, Körper und Verstand mit einer Sehnsucht nach Ganzheit und Geschwisterlichkeit.“ Wenn dieser Dreiklang auseinanderzubrechen droht, kann Musiktherapie heilend eingreifen – beispielsweise bei psychosomatischen Erkrankungen, wenn eine körperliche Krankheit seelische Nöte bewirkt, bei psychosozialen Belastungen, bei Krisen und allen Formen der Sprachlosigkeit. Die Symptome können, müssen aber nicht im Vordergrund stehen. Meist drängt sich ein aktuelles Leiden, eine Krankheit und Schmerz in den Vordergrund. Oft werden aber im Kontakt mit der Musik auch überraschende oder vergessene Bilder und verborgene Kraftquellen wach: alte Sehnsüchte, Wünsche, Begabungen und dergleichen. Musik ist zwar flüchtig und wenig greifbar, dennoch wirkt sie tief in unser Inneres. Die Therapie ist nicht an ein Alter gebunden: Catherine Fritsche hat in Glarus bisher Menschen zwischen 13 und 93 musiktherapeutisch begleitet. Für die stationären Patienten des Spitals ist die Therapie in der Tagespauschale inbegriffen. Zusätzlich besteht ein ambulantes Angebot, und es gibt auch Hausärzte im Kanton Glarus, welche Patienten zu ihr schicken. „Ich wünschte mir, dass es nicht Zufall ist, sondern dass alle Leute, die sich angesprochen fühlen, zu mir kommen können. Ich weiss nur noch nicht, wie ich an diese Leute gelangen kann“, sinniert die Therapeutin zum Schluss unseres Gesprächs.

Dieser Artikel durfte mit freundlicher Genehmigung der Autorin übernommen werden. (Erstveröffentlichung in „Die Südostschweiz“, Ressort „Glarus“)

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