Myoreflextherapie

EINIGE SÄTZE ZUR MYO-REFLEX-THERAPIE NACH DR. MED. KURT MOSETTER

von K. Mosetter

 

www.myoreflex.de,  info@mosetter.de

Die Benennung
Wie aus dem Namen Myo-Reflex-Therapie deutlich wird, geht es bei dieser Behandlungsmethode primär um die Muskeln (myo) des Menschen und deren reflektorische Behandlung. „Die Skelettmuskulatur ist mit einem Anteil am Gesamtkörpergewicht von 40 – 50 % das weitaus am stärksten ausgebildete Organ des Menschen. Zum größten Teil handelt es sich dabei um die Muskulatur des Bewegungsapparates“ . Hinzu kommen die Muskeln des Herzens, der Atmung usw.. Zugleich meint dieses Wort, daß der Patient eine Spürhilfe bekommt – sein neuromuskulärer Zustand wird ihm gespiegelt (reflektiert) und so seiner Selbstregulation wieder zugänglich gemacht …

Traditionelle Muskelbehandlungen
Die Muskulatur des Menschen wurde bisher in der angewandten Medizin zu wenig oder zu einseitig berücksichtigt. Bei den unterschiedlichsten Therapieformen werden in der Regel einzelne Muskeln oder Muskelpartien behandelt. Muskeln können bei Bedarf trainiert und gestärkt werden; bei starken Verletzungen können sie operativ behandelt werden; einzelne Muskeln können aber auch gedehnt oder einfach nur massiert und eingerieben werden. All diese Möglichkeiten haben gemeinsam, daß sie stets nur einen bestimmten Muskel (bzw. Muskelgruppe) behandeln und diesen isoliert betrachten. In vielen Fällen jedoch zeigt es sich, daß eine Behandlung, die sich jeweils nur auf die Körperpartie konzentriert, die Probleme bereitet oder schmerzt, das eigentliche Problem (die Ursache) nicht richtig zu fassen bekommt.

Die Grundlagen
Der lebendige Organismus ist in biomechanischer Hinsicht so gebaut, daß er den physikalischen Kraftgesetzen folgt. Der Gesamtzustand eines solchen Biomechanismus ist dann gesund, wenn die verschiedenen Kräfte harmonisch und ausbalanciert miteinander wirken und arbeiten. Jeder Verstoß und jede Mißachtung dieser Balance (in Form von mangelnder oder einseitiger Bewegung, Überlastung, Unfällen etc.) zieht entsprechende Schädigungen mit sich. Krank oder leidend wird ein Organismus in biomechanischer Hinsicht dann, wenn solche Verstöße zu stark sind. Jedoch auch schwächere aber sich wiederholende Verstöße steigern sich zu Verletzungen und können die Gesundheit beeinträchtigen. Die körperliche Meldung eines solchen Verstoßes (die Bewußtwerdung) geschieht durch einen Schmerz. Schmerzen können als Ausdruck eines gestörten Gesamtgleichgewichts betrachtet werden. Da die meisten Muskeln Teil des Bewegungsapparates sind, kann auch gesagt werden: Schmerzen signalisieren eine gestörte, unharmonische Bewegungsgeometrie. Ohne die Schmerzsignale würden viele Verstöße und Fehlbelastungen nicht bemerkt werden – unabänderliche Schädigungen und Verletzungen des Organismus wären die Folge. Wichtig ist nun, daß bei einem solchen Schmerzsignal nicht nur die betroffene Stelle des Körpers behandelt wird. Die jeweilige Problemstelle darf nicht von dem biomechanischen Gesamtnetz des Organismus isoliert und abgesondert werden. Denn es kann sein (und meistens ist dies auch tatsächlich der Fall), daß die eigentliche Ursache und das Grundproblem sich gar nicht da befinden, wo es dann schließlich weh tut. Schmerz-punkt und Schmerz-verursacher können sich an verschiedenen Körperstellen befinden. Bereits bei einem stark vereinfachten Beispiel wird dies deutlich: Wir gehen von einer quadratförmigen Muskelstruktur aus, deren vier gelenkige Eckpunkte durch Muskelzüge miteinander verbunden sind. Im gesunden entspannten Zustand ist diese Form ausbalanciert und symmetrisch. Kommt es nun beispielsweise am Punkt d auf Grund eines verkürzten oder verspannten Muskels zu einer einseitigen Zugkraft in Richtung e, so wird die Symmetrie gestört. Die Zugkraft, bzw. die Quelle der Störung kommt somit nicht nur in Punkt d zur Wirkung , sondern auch an allen mit diesem Punkt verbundenen Bereichen. Dieses muskuläre Ungleichgewicht kann somit auf Grund der unsymmetrischen Stellung im Bereich a einen Schmerz hervorrufen. Schmerzursache und Schmerzpunkt sind also nicht identisch. Dies kann genauso für die Punkte b und c gelten.

 

Eine Behandlung am Ort der Schmerzen (z.B. ein operativer Eingriff) kann somit kaum eine Beseitigung der Ursache bringen. Ist die Symmetrie erst einmal in einem Bereich des Körpers gestört und besteht diese über einen längeren Zeitraum, so treten über die muskulären Verbindungen zu anderen Regionen auch in diesen Spannungen bzw. Schmerzen auf. Vergleichen wir das Zusammenspiel der Muskulatur mit dem Zusammenspiel eines Orchesters, so kann es sein, daß eine falsche Geige das ganze harmonische Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht bringt. Die Myoreflextherapie berücksichtigt diese biomechanischen Gesetzmäßigkeiten. Schmerzt es wie in unserem Beispiel an Punkt b, so behandelt sie ursächlich, d.h. sie legt den Behandlungsschwerpunkt auf die Verbindung der Bereiche d und e. Über eine Behandlung der verschiedenen Störungen im Gesamtnetz kann man also indirekt den Schmerzbereich therapieren. Die eigentliche Behandlung und die Lösung des Problems wird an diesen weitergeleitet – genauso wie zu Anfang die eigentliche Ursache ihr Problem weitergeleitet hat.

Die Behandlung
Die Rückmeldungen der Patienten während der Behandlung machen diese indirekte und weiterleitende Strategie der Problemlösung deutlich. Oft fallen Äußerungen wie: „Jetzt zieht es den Arm hinunter“ oder „jetzt zwickt es im Knie“ … Meist werden Stellen des Körpers genannt, an denen momentan gar nicht behandelt wird. Natürlich ist der menschliche Organismus und seine Biomechanik nicht so einfach und übersichtlich, wie auf dem obigen Schema. Das Gesamtnetz eines jeden Lebewesens ist eine hochkomplexe Sache. Genauste anatomische Kenntnisse und viel Erfahrung sind nötig, um diese Methode ausüben zu können. Für eine Bestimmung der jeweils richtigen und wichtigen Punkte und Linien sind wichtig:

  • Die Rückmeldungen des Patienten – er kann am besten angeben, wie und wohin ein Problem weitergeleitet wird. Zudem entspricht meistens das Schmerzempfinden dem Grad der Verspannung. Je höher die Spannung, je höher die Empfindlichkeit des Patienten an der betroffenen Stelle.
  • Das Wissen des Therapeuten über den biomechanischen Aufbau des menschlichen Körpers – damit kann er die üblichen Problembahnen und -Punkte abschätzen und an diesen entlang behandeln.
  • Die jeweiligen Beobachtungen des Therapeuten am Patienten – z.B. wie sich ein Patient bewegt, ob er irgendwelche Fehlhaltung einnimmt, bestimmte Ausweichbewegungen während der Behandlung macht oder ob bestimmte Gelenke angeschwollen sind, usw..
  • Darüber hinaus ist der Tastbefund sehr bedeutsam. In Kombination mit den Rückmeldungen des Patienten kann festgestellt werden, wo die jeweiligen Grundprobleme liegen und wo die Problembahnen verlaufen. Wo sind Muskeln besonders stark verhärtet oder verkrampft ? – Wo tut es bei entsprechendem Druck noch weh ? usw..

Damit wird die von uns praktizierte Methode zu dem, was der Begriff Behandlung ursprünglich meint. Gearbeitet wird in erster Linie mit den Händen. Über die Behandlung wird das eigentliche Problem sowohl aufgesucht und bestimmt (= Diagnose), als auch angegangen und gelöst (= Therapie). Diagnose und Therapie gehen somit Hand in Hand.

Weitere Besonderheiten dieser Behandlungsmethode
Ein Beispiel: Ein Patient hat Schmerzen im oberen Rücken (Bereich der Brustwirbel). Von den anatomischen Gegebenheiten her verlaufen wichtige Verbindungslinien von den Brustwirbeln her nach vorne – hin zum Brustkorb und Brustbein. Von oben gesehen verläuft die Problemlinie wie ein Kreis einmal um den Menschen herum.

Eine Art des Ungleichgewichts kann darin bestehen, daß der muskuläre Bereich der Brust / des Brustbeins zu verkrampft ist (daß dort zuviel Spannung ist) – auf die Rückenwirbel kann dann eine zu starke Zugkraft wirken – hinten entsteht der Schmerz. Wird die Verkrampfung im Brustbereich behoben, kommt die störende Zugkraft im Rücken zum Verschwinden – das Rückenproblem wird gelöst. Ein weiteres Beispiel: Wenn wir den Arm beugen, dann betätigt sich der Beuger (Musculus biceps brachii). Strecken wir den Arm wieder aus, dann wird der Strecker (M. triceps brachii) tätig. Beuger und Strecker sind Gegenspieler (Antagonisten). Wenn der eine in Aktion tritt und seine Bewegung ausführt, muß der andere nachgeben und passiv bleiben. Ohne diese gegenseitige Berücksichtigung und Anpassung könnte keine richtige und fließende Armbewegung ausgeführt werden – der eine Muskel würde den anderen bremsen und behindern.

Jeder Muskel hat Sensoren (Muskelspindeln und Sehnenorgane), ebenso gibt es Gelenksrezeptoren. Diese registrieren die jeweilige Dehnung, die Aktivität eines Muskels und die Stellung der Gelenkpartner zueinander. Bestimmte Nervenfasern melden diese dem Rückenmark. Über Bewegungsprogramme des Gehirns und Schaltkreise des Rückenmarks können so Bewegung und Gegenbewegung, Beugen und Strecken, Aktivität und Loslassen aufeinander abgestimmt. Die einzelnen Muskeln erhalten so ständigen Input und Korrektur – so können sie als Teile eines Gesamtsystems (einer Gesamtbewegung) arbeiten – die verschiedenen Aktivitäten und Bewegungen werden so koordiniert.
Diese Reflexfunktionen macht sich die Myoreflextherapie zunutze. Wird ein Muskel an der richtigen Stelle gedrückt (Druckpunktstimulation), dann kann durch einen entsprechenden Reflex eine Aktivität des Muskels vorgetäuscht werden. Der entsprechende Gegenmuskel, der zu angespannt oder verkürzt ist, erhält dann die Meldung, zu ent-spannen und loszulassen. Ein verhärteter Muskel, an den man von außen mit den Händen gar nicht heran kommt, kann mit diesem Trick indirekt gelöst werden.

Die Myoreflextherapie als aktive Therapie

Bei der Myoreflextherapie handelt es sich also um eine Therapie, bei der der Patient nicht passiv sondern aktiv beteiligt ist. Der Therapeut provoziert an der Muskulatur (die bereits im Ruhezustand eine zu hohe Spannung besitzt) eine Überspannung. Die Spannung ist dann so hoch, daß sich der Körper nicht mehr mit ihr arrangieren kann. Es wird ein Regelkreis in Gang gesetzt. Diese Überspannung wird durch Impulse ans Rückenmark (Reflexfunktion), und von dort ans Gehirn weitergeleitet. Das Gehirn, das den normalen Spannungszustand gespeichert hat, sorgt nun dafür, das dieser wieder eingestellt wird. Diesen Vorgang kann man mit der Bedienung eines Computers vergleichen. Die Muskeln übernehmen hierbei die Rolle der Tastatur, die vom Therapeut bedient wird. Entsprechend der Arbeitskapazität und der vorhandenen Software wird der eigentliche Veränderungs- bzw. in unserem Fall der Therapieprozeß, vom Innenleben des Computers bzw. des Patienten geleistet. Wir können uns diesen Sachverhalt mit dem Bild eines sich selbst regelnden Systems vorstellen, das nur indirekt beeinflußt werden kann. Die Muskelfunktionstherapie behandelt nicht mechanisch, sondern im wesentlichen über Informationen; sie arbeitet indirekt an den Muskelfühlern – die Schaltzentralen des Patienten (Gehirn, ZNS) deuten den Fingerdruck des Therapeuten – entsprechend den eigenen Regelmechanismen kann der Patient reagieren, er kann eigene Bewegungsprogramme wieder-aktivieren – der Patient behandelt (reguliert) sich selber ! 

Der Einfluß auf die inneren Organe
Nicht zu vergessen ist das Muskelgewebe der Eingeweide. Die Wände der Hohlorgane (also der Magen-Darm-Trakt, die Geschlechtsorgane, die Gallenblase, die Blutgefäße, das Herz- Kreislaufsystem, usw.) sind aus Muskelgewebe gebildet. Aber auch Teile der Atemwege oder der Bereich um die Augen bestehen aus Muskeln. Diese Organe sind also im Zusammenhang zu sehen mit dem Spannungszustand der sie umgebenden Muskulatur.
Nach Ausschluß rein organischer Probleme (Besuch beim Facharzt usw.) können unterschiedliche Probleme (wie etwa Asthma, Sehstörungen, Bluthochdruck, Herzstechen, Herzrhythmusstörungen) über eine Behandlung der entsprechenden „Organ-Muskulatur“ angegangen werden.
Weit über den Bereich Bewegungsapparat und die entsprechenden Themen (Sehnen, Bänder, Gelenke, Bewegung …) hinaus ist die Myoreflextherapie eine sinnvolle und hilfreiche Behandlungsmethode.

Der Atlas
Der erste Halswirbel heißt Atlas – er trägt den Kopf. Ihm kommt von allen Wirbelkörpern eine besondere Bedeutung zu, da Fehlstellungen bzw. Blockierungen in diesem Bereich weitreichende Symptome hervorrufen können. Eine Bewegungseinschränkung in der Halswirbelsäule muß durch eine übermäßige Bewegung anderer Wirbelbereiche ausgeglichen werden. Schnell führt dies zu einer Überbeanspruchung (unfunktionellen Belastung) in diesen Wirbelbereichen.
Weiterhin steht der erste Halswirbel direkt mit dem Kiefergelenk und dem Innenohr in Verbindung. Somit spielt der Atlas bei der Behandlung dieser Bereiche (z.B. Tinnitus, Kieferstörungen) ebenfalls eine tragende Rolle. Über Fehlstellungen in den Kopfgelenken können zudem funktionelle Durchblutungsstörungen auftreten und diese können wiederum die verschiedensten Symptome verursachen (z.B. Migräne, Schwindel).
Im Gegensatz zur klassischen Atlastherapie werden in unserem Verfahren keine ruckartigen Impulse im Bereich des Atlas gesetzt. Wir sprechen deshalb von einer modifizierten (= abgewandelten) Atlastherapie.

Herkunft und Grundlagen der Myoreflextherapie Grundlage des gesamten Netzwerkes ist eine klassische, jedoch erweiterte Disziplin der Hochschulmedizin – die Anatomie des Menschen. Ferner haben wir (und dadurch wurde diese Therapieform erst ermöglicht) aus verschiedenen Bereichen und medizinischen Disziplinen Ideen und Anregungen für unsere Therapie übernommen und versucht, diese zu einer sinnvollen und effektiven Synthese zu vereinigen.

© Vesalius Verlag, Konstanz 1999

Dieser Artikel wurde mir mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung überlassen.

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