So wirkt Musik

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup

Welch enormen Einfluss das Musizieren auf die Entwicklung unseres Nervensystems ausübt, belegen Forschungen an der Neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die graue Substanz in bestimmten Bereichen der Heschlschen Querwindungen bei ausgebildeten Musikern bis zu 130 Prozent grösser ist als bei den nicht musikalischen Versuchspersonen – das entspricht einem Unterschied von einem Kubikzentimeter Hirnmasse!
Ausserdem waren die Nervenzellen der Profis in diesem Bereich doppelt so aktiv wie die der Nicht-Musiker.
Musizierende, die bei ihrer ersten Unterrichtsstunde jünger als sieben Jahre waren, verfügen darüber hinaus über einen besseren Informationsaustausch zwischen den Hirn-Hemisphären: Der Balken, der rechte und linke Gehirnhälfte miteinander verbindet, ist bei ihnen grösser als bei Musikern, die ihr Instrument später erlernten. Und oft wechseln bei Profimusikern die Verarbeitungs-Areale von der rechten in die linke, sprachdominante Hemisphäre – was vermutlich einer Veränderung zur grösseren Analytik entspricht, wie sie auch für Spräche nötig ist.
Was Instrumentallehrer ihren Schützlingen predigen – üben, üben, üben -, verändert offenbar rasant die Aktivitäsmuster der Grosshirnrinde und begünstigt die Verknüfpungen der Neuronen. Einen ¾ Takt wieder zuerkennen, Quinten nicht mit Quarten zu verwechseln, sowie Rhytmen erfasssen zu können – das sind Fähigkeitn, die sich laut Altenmüller schon durch täglich eine halbe Stunde Gehör-Training verbessern lassen. Automatisch wird von diesem Zeitpunkt an beim blossen Hören eines Tones auch die Region stimuliert, die für die Fingerbewegung zuständig ist – und bei Bewegungen auf einer stummen Tastatur reagieren auch die Hörzentren des Hirns.
Auslöser für diese Veränderungen ist offenbar der ungeheure Motivationsschub, den das Musizieren zu vermitteln vermag. Denn Musik aktiviert das limbische Selbstbelohnungssystem im Zwischenhirn. Ähnlich wie Medikamente stimuliert Musik dort die Hormonausschüttung und setzt körpereigene Drogen frei.
Kein Sport, keine andere Tätigkeit ausser Sex lässt die Nerven dermassen in Endorphinen baden –opiat-ähnliche Substanzen – die Glücksgefühle und Wohlbefinden auslösen. Es sei der „pure Rausch“, behauptet Altenmüller, „der selbst die stundenlangen Qualen des Übens vergessen macht“. Herzschlag, Tränen, Muskelspannung – über das unwillkürliche, vegetative Nervensystem dringt Musik in jeden Bereich des Körpers; auch unter die Haut. Wer fühlen will muss hören: Den ganzkörperlichen, von „Flugzeugen im Bauch“ und Gänsehaut begleiteten Freudenschauer, den rund 90 Prozent der Menschen gelegentlich beim Musikhören bekommen, nennen Forscher beziehugsrei..
„Hautorgasmus“.
Von dem hormonellen „Kick“ profitieren offenbar nicht nur musische Fähigkeiten: Die neurologischen Erkenntnisse stützen die Thesen des Frankfurter Musikpädagogen Hans Günther Bastian, wonach insbesondere Instrumentalspiel unterschiedlichste Intelligenzleistungen anregen könne. In einer sechsjährigen Langzeitstudie hat Bastian die schulische Entwicklung musikalisch nicht vorgebildeter Berliner Arbeiterkinder begleitet und mit einer ohne Instrumentalunterricht aufgewachsenen Kontrollgruppe an derselben Schule verglichen: Ein Anstieg des Intelligenzquotienten um bis zu sechs Punkten, besonders im Bereich räumlich-mathematischer Fähigkeiten, liess sich alleine auf die Musikförderung zuückführen, vor allem vor dem achten Lebensjahr. Zugleich konnten die musizierenden Kinder auch ihren sozialen Status verbessern. Auch andere Studien konnten zumindest belegen, dass mit dem Musizieren eine schnellere intellektuelle Reifung einhergeht.
Musik macht vermutlich also tatsächlich klüger und sozial kompetenter, auch unabhängig vom Elternhaus. Voraussetzung dafür – und dies ist die wesentliche Einschränkung gegenüber verbreiteten Meinungen – ist jedoch das aktive Musizieren über einen Zeiraum von mindestens vier Jahren. Passive Berieselung mit Musik – erst recht im theoretischen Musikunterricht – zeigt dagegen offenbar keinerlei Erfolg.
Ausserdem: Ein intellektuelles Leichtgewicht wird durch das Musizieren kein Genie, ebenso wenig, wie ein sozialer Aussenseiter sein Wesen dadurch ganz verändern kann. Doch – so zeigt es das Beispiel des berühmten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart: Ohne seine Musik hätte der nach Schilderungen seiner Zeitgenossen unerträglich kindische, ungebildete, zur Fäkalsprache neigende Widerling wohl keine Chance zur Aufnahme in die höhere Gesellschaft gehabt.

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